Engel, die Wünsche erfüllen: Begegnungen in der “versteckten” Stadt

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Pilsen. Bier, Skoda und vielleicht noch die einst berühmten tschechischen Puppenspieler. Tschechiens viertgrößte Stadt mit ihren rund 180.000 Einwohnern hat mehr zu bieten. Pilsen steckt voller Überraschungen. Sogar Engel wirken hier.

Mit Handel und Industrie ist Pilsen reich geworden: Maschinenbau, Metallindustrie und eine der größten Brauereien der Welt. 1842 brachte ein bayerischer Braumeister seine Handwerkskunst nach Böhmen. Die Stadt lieferte den Namen für die untergärige Biersorte: Pilsener, kurz Pils.

Frühschoppen

Über fast 20 Kilometer erstrecken sich die ständig acht Grad kühlen Keller und Gewölbe unter der Stadt. Die geführte Besichtigungstour (knapp anderthalb Stunden für rund 5 Euro) durch die Pilsener Urquell-Brauerei mit Sinnes-Erlebnis-Park macht hungrig. Das Restaurant serviert böhmisch Deftiges: Knödelberge mit dicker Soße. Für die Portion Wildragout (umgerechnet 6 Euro) hat wahrscheinlich ein ganzer Hirsch sein Leben gelassen. Dazu lasse ich mir ein bronzefarbenes, hefehaltiges Bier schmecken. Der halbe Liter kostet, für Deutsche kaum vorstellbar, gut einen Euro. Weil es unpasteurisiert nach drei Tagen verdirbt, bekommt ihr es nur hier und in einer Kneipe am Rande der Altstadt.

© Robert Fishman

Aus Grau wird Bunt

Ein Spaziergang tut mir nach der Völlerei gut. Eine Viertelstunde ist es durch den Park zurück ins Zentrum. Um den zentralen „Platz der Republik“ versammeln sich frisch restaurierte Bürgerhäuser aus mehreren Jahrhunderten, das Rathaus aus der Renaissancezeit und das tschechische Puppenspielermuseum.

© Robert Fishman

Meine Neugier siegt über die Faulheit. Ich gönne mir die Aussicht vom Turm der Bartholomäus-Kathedrale. Mit Drehwurm entsteige ich der Wendeltreppe und schaue vom höchsten Kirchturm Tschechiens über die roten Altstadt-Dächer weit ins grüne, hügelige Böhmerland bis nach Bayern.

© Robert Fishman

Zwei Straßenbahnstationen außerhalb des Zentrums liegt der Südbahnhof. Die leuchtend gelbe Bahn gleitet vorbei an der zweitgrößten Synagoge Europas, deren Türme mit den beiden goldenen Davidsternen das Stadtzentrum überragen, passiert das allerweltsgleiche Einkaufszentrum und lange Reihen grauer Häuserzeilen.

Künstlerbahnhof

1998 zogen die ersten Maler, Bildhauer, Tänzer und Fotografen in das halb verfallene Nebengebäude des 110 Jahre alten, stuckverzierten Südbahnhofs. Auf der Bühne in der ehemaligen Bahnhofshalle spielen Theatergruppen und Tanz-Ensembles. „Wir verbinden Kunst mit Bildung”, erzählt Mitbegründer Roman Cernik. Ihn finde ich in der kleinen Kneipe des Kulturzentrums: Über der selbstgebauten Theke hängt das ausgediente schwarz-weiße Bahnhofsschild. In der als verschlafen-konservativ verschrienen Provinzstadt habe sich das „Johan“ seinen Platz erkämpft. „Mit der Europäischen Kulturhauptstadt planen wir Projekte.“

© Robert Fishman

Im Zentrum werben Plakate und Fahnen für das Programm. Unter dem Motto „Open Up“ will der Sohn des Regisseurs Milos Forman mit seinem Team die Pilsener und ihre Besucher mit „leicht zugänglichen Angeboten“ begeistern: Zirkus ohne Tusch und Tiere, ein Auftritt bunter Riesenfiguren der Compagnie Royal de Luxe aus Nantes, ein barocker Musiksommer in alten Kirchen auf dem Lande oder ein interaktives Riesenkarussell auf dem Hauptplatz.

Kulturhauptstadt zum Mitmachen

Die Einheimischen gestalten mit. Auf meine Frage nach Details erhalte ich eine Einladung in die Hölle. So heißt das Café, das Studenten im ehemaligen Kulturhaus im 50er-Jahre-Stil eingerichtet haben. Dort wartet Jakub Deml auf mich. Er leitet das Programm „versteckte Stadt“. Mit seinem Team arbeitet er an Charakteren, die Besuchern in Handy-Apps Pilsen nahebringen: der Brauer, der das Pils erfand, ein Arbeiter der Skoda-Werke, ein Künstler oder ein zwölfjähriges Mädchen, das die Stadt aus Kindersicht zeigt. Die Figuren führen Touristen in verschiedene Stadtteile, deren Bewohner sie in Empfang nehmen und ihnen ihren Alltag zeigen.

„Wenn du in die vielen Hinterhöfe und Keller schaust, wirst du tollen Menschen begegnen“, Franziska überschlägt sich fast vor Begeisterung. Seit vier Jahren lebt die 29-jährige Deutsche in Pilsen, hat fließend Tschechisch gelernt und kennt die halbe Stadt. Wir kommen keine 100 Meter weit ohne fröhliches Hallo.

Gerne zeigt sie mir ihr Pilsen: Die zahlreichen Musikkneipen oder das Abasta Theater hinter dem Plaza Einkaufszentrum. Dort spielen sie auch Stücke auf Tscheutsch, einer Mischung aus Tschechisch und Deutsch, die die Leute aus beiden Ländern verstehen.

Engel, die Wünsche erfüllen

Auch Stadtführungen gibt es auf „Tscheutsch“. Die Teilnehmer bekommen Aufgaben gestellt, lernen so die Stadt kennen und Wörter in der jeweils anderen Sprache.

Seekrank in Berlin

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Die Fahrkarte passt nicht in den Stempelkasten, zu breit oder der Schlitz zu schmal, wahlweise. „Hier entwerten“ steht drauf. Der Busfahrer auf die Frage, ob er die Karte abstempeln wolle: „Ick hab nischt“. Freifahrt…

Auf dem Oberdeck schaukeln Berliner Doppeldeckerbusse wie Schiffe, die Scheiben beschlagen, draußen gleitet eine grauverschleierte Welt, endlose Häuserzeilen verschwimmen im Nebel, graue Straßen, vorbei. Drinnen Mobilfunkparty: Vor mir erzählt eine Dame um die 50 ihre Krankengeschichte, Blasenentzündung, seit 5 Uhr wach und schon 3 Liter Tee getrunken…. neben mir ein Leben auf Polnisch, dahinter eine kruden Mischung aus Russisch und Deutsch, Bargeld Sie haben, 2000 Euro, ja Sie haben, gut, do swidanja Berlin

GÖTEBORG: GRÜNE STADT IM FLUSS

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In den Kanälen spiegeln sich Fassaden, die den einstigen Reichtum von Kaufleuten, Reedern und Industriellen zur Schau stellen. Der breite träge Göta-Fluss öffnet die Stadt zum Meer. Das Geschrei der Möwen mischt sich in den Lärm der großen Boulevards und hallt durch die Gassen.

Von Robert B. Fishman

Hafenkanal Göteburg

Hafenkanal Göteburg

Groß geworden ist Göteborg, mit gut 500.000 Einwohnern Schwedens ewig Zweite, mit der Industrie. Bis in die 80er Jahre reihten sich am Flussufer Werften und Fabriken. 15.000 Menschen arbeiteten bis 1975 alleine im Schiffbau. Inzwischen sind es noch 1400. „Schiffe werden hier längst nur noch repariert“, erzählt Renate*, eine Schweizerin, die damals der Liebe wegen nach Göteborg gezogen ist. Der Wasserbus bringt Fußgänger und Radfahrer über den großen Fluss, den Göta Älv. Eine Stunde dauert die Fahrt mit dem Linienboot vom heutigen Yacht- und früheren Handelshafen bis hinunter an die zweite große Brücke kurz vor der Mündung des Göta ins Meer und wieder zurück. An diesem Sonntag Abend sind kaum Passagiere an Bord.

Älvsborgsbron Spannbrücke über den Göta

Älvsborgsbron Spannbrücke über den Göta

Die Fähren sind Teil des dichten und schnellen Göteborger Tram- und Busnetzes. Eine Tramfahrkarte reicht für die entspannende Tour übers Wasser. „Die Göteborger sind so stur wie meine Berner Oberländer“, lobt Renate lachend die Ureinwohner ihrer Wahlheimat. „Wenn Du Dich mal durch die harte Schale gepickt hast, hast Du hier Freunde fürs Leben“. Die Dickschädeligkeit –  oder Beharrlichkeit – der Göteborger hat ihr Tramnetz gerettet. Als das Land 1967 auf Rechtsverkehr umstellte, waren die Straßenbahntüren alle auf der falschen Seite. Deshalb ersetzten Schwedens Städte ihre Trams durch Busse. In Stockholm gibt es nur noch eine Straßenbahnlinie. In Göteborg fahren nach wie vor alle zwölf.

Hafen und Göta Fluss

Hafen Göteburg

Hafen Göteburg in der Dämmerung

Oper Göteburg in der Dämmerung

„Göteborg ist doch nur eine Kleinstadt“, schimpft Linda*, eine der Künstlerinnen, die sich nach einer Party im Museum am Freitag Abend in einem der vielen Biergärten rund um den Jörntorget-Platz treffen. Linda* klagt über die schwedischen Männer, die den Frauen ihre Rechnung selbst bezahlen ließen.

Der Typ neben ihr, ein Hühne um die 50, der seine ergraute Haarpracht zu einem Pferdeschwanz gebunden und seinen Motorradhelm vor sich auf dem Tisch gelegt hat, scheint völlig in sich gekehrt. „Das ist die Gleichberechtigung“, wirft er trocken ein.  – Linda mault, ganz Diva, dass sie „ nicht immer gleichberechtigt sein will.“ Ein Mann müsse ein Gentleman sein und zahlen.

Da lebt sie wohl im falschen Land. Während die üppig geschminkte Lady weiter auf den Latin Lover hofft, der sie romantisch heiraten wird, ist die Gleichberechtigung in Schweden längst weiter fortgeschritten als im Rest der Welt. 70 Prozent der Frauen sind berufstätig. Allerdings findet sich auch auf den Chefsesseln der großen Unternehmen auch hier kaum eine Frau.

Santo Domingo

Viele von ihnen gründen stattdessen selbst erfolgreiche Unternehmen. Zwischen den vielen Second-Hand, stylischen Boutiquen und Designerläden an der Vallgatan liegt in einem Schaufenster ein fast mannshohen Stapel alter Jeanshosen. „Repairing is Caring“ steht in großen weißen Buchstaben auf dem Fenster. Dahinter näht ein junger Mann Flicken auf kaputte Hosen. Ein Zettel an der Tür des Ladens lädt Passanten zum Hereinkommen ein. „Ask, what we are doing, you are welcome“, heißt es da auf Englisch. Der Schneider erklärt gerne das Konzept von Nudie Jeans, einem der erfolgreichsten jungen Modeunternehmen Schwedens: „Wir verwenden nur Bio-Baumwolle aus fairem Handel“,erzählt der 24 jährige an der Nähmaschine, während er Flicken auf zerschlissene Hosen klebt. „Wer bei uns eine Hose gekauft hat, kann sie hier immer kostenlos zur Reparatur bringen“.

Vor zwölf Jahren hat die Designerin Maria Erixon Levin ihren Job bei Lee gekündigt und sich mit ihrer Marke Nudie Jeans selbstständig gemacht. Inzwischen verkauft das Unternehmen nach eigenen Angaben jedes Jahr rund eine Million seiner in Italien nach den Regeln des fairen Handels produzierten Jeans. Im Laden kosten sie gut 100 Euro – im teuren Schweden ein normaler Preis.

Antikhallarna

Antikhallarna

Göteborg, mit rund 60.000 Studierenden eine der jüngsten und am schnellsten wachsenden Städte Nordeuropas, hat sich in den letzten Jahren zu einem Zentrum der Kreativen entwickelt. Viele Cafes und Restaurants servieren Produkte aus Bio-Landbau und zahlreiche Second-Hand Läden bieten gut erhaltene, oft auch schicke Klamotten und andere gebrauchte Produkte an. Am Flussufer wachsen neue Passivhäuser in den Himmel. Wer mit dem Auto in die Innenstadt fahren will, zahlt eine City Maut. An allen großen Ausfallstraßen erfassen Kameras die Kennzeichen der ankommenden Fahrzeuge. Nachdem sich Anwohner und Händler darüber aufregen, hat die Stadt für 2014 eine Volksabstimmung über die Maut angekündigt.

„Stadsjord“, Stadtgarten steht an einer kleinen Freifläche zwischen zwei restaurierten Bürgerhäusern am Brunnsplatsen in der Innenstadt. Unter dem Schild führen Treppen zu großen Holzkästen, in denen Grünpflanzen wachsen. Die kleine Grünanlage gehört zu einem Netz von Nachbarschaftsgärten, in dem Anwohner Gemüse für den Eigenbedarf anbauen.

Choklad & KaramellfabrikNudie JeansInsel Styrsö

Schwein gehabt
In einem Neubaugebiet im Norden der Stadt weist ein buntes Schild an zwei aufeinander gestapelten blauen Baucontainern den Weg zu einem weiteren, großen Stadtgarten. Dort gedeihen zwischen Baukränen und Hochhaus-Rohbauten Tomaten in einem kleinen Gewächshaus. In Pflanzkisten und alten Reissäcken wachsen Kräuter, Bohnen und anderes Gemüse. Mitten drin sitzt Maurits auf einem der bunten, selbstgebauten Stühle.  Er ist einer von drei festen Mitarbeitern der Stadtgärten, die ein ehemaliger Berater, Stadtplaner und grüner Politiker 2010 gegründet hat. Die Idee: Ungenutztes Brachland soll den Anwohnern als Garten angeboten werden. Die Leute legen Beeten an, kümmern sich um die Pflanzen, organisieren sich selbst als Gemeinschaft, entwickeln eine stärkere Verbindung zur Natur, begrünen ihre Umgebung und ernähren sich mit der eigenen Ernte gesünder. „Es hat lange gedauert“, erzählt Maurits.

Blick über Göteborg Blick über Göteborg

Inzwischen wüssten die Verantwortlichen im Rathaus das Engagement der Stadtgärtner zu schätzen. Wenn eine Gruppe von Anwohnern sich verpflichtet, ein Stück Land zu pflegen, bekommt sie von der Stadt rund 2.500 Euro Zuschuss für Gartengeräte. Das Immobilienunternehmen, das hier im Göteborger Norden auf einer ehemaligen Industriefläche einen komplett neuen Stadtteil aus dem Boden stampft und die neuen Wohnungen teuer verkauft, habe den Stadtgärtnern Brachland zur Zwischennutzung überlassen. Die Pflanzkisten bauen die Stadtgärtner aus alten Paletten, die Säcke bekommen sie von indischen Restaurants und Baumärkten. Abfälle werden kompostiert.

Liseberg     Insel StyrsöAngefangen haben die Stadtgärtner mit ein paar Schweinen auf einem städtischen Grundstück. Die Europäische Union hat damals den Erhalt historischer Nutztierrassen gefördert. So gab es Geld für die Linderöd-Schweine, robuste Tiere, die selbst im schwedischen Winter draußen bleiben können. Die Stadtgärtner vermieten die Tiere an Gartenbesitzer und Landwirte. „Die fressen das Unkraut, graben den Boden um und düngen ihn“ erzählt Maurits. „Für 1000 Quadratmeter brauchen zwei Schweine zwei Monate. Dann hast Du den perfekten Boden.“

StadtgartenInsel Styrsö

Inzwischen gibt es die Stadtgärten in vielen Göteborger Vierteln. In einem Hinterhof in Majorna, einem ehemaligen Arbeiterquartier, in das immer mehr junge Leute ziehen, wachsen Kräuter und Gemüse in Holzkisten. Ein Nachbar hat den Grill angefeuert. Andere bringen Nudeln und Salate. Eine junge Frau erntet die Zutaten: Ihr kleiner Sohn schaut ihr fasziniert zu und fängt an, ebenfalls Blätter von den Pflanzen zu rupfen. Dabei nuckelt er innig an seinem Schnuller, bis Mama den Ernteeifer des kleinen Gärtners bremst. Geduldig zeigt sie ihm, was man essen kann und was nicht.

 

Hinweis: Die Reise wurde teilweise unterstützt von visit sweden. Vielen Dank.

Hafenkanal GöteburgHafenkanal Göteburg

Info:

Anreise:

Aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es Zugverbindungen via Kopenhagen sowie über Berlin, Rostock und (per Fähre) Trelleborg nach Göteborg. Fähren der Stena Line verbinden Göteborg außerdem mit Kiel (Deutschland) und Fredrikshamn (Dänemark).
stenaline.se

Der internationale Flughafen Landvetter (GTH) liegt ca 20 km landeinwärts. Busse fahren von hier ca. alle 30 Minuten in die Stadt
swedavia.se
flygbussarna.se

Stadtinfo:
(auch auf Deutsch)
goteborg.com

Touristinfo Schweden: 
visitsweden.com

Online-Stadtmagazin: 
goteborgnonstop.se

Stadtumbauprojekt Älvrummet:
(leider nur auf Schwedisch)
alvstranden.com

Ermäßigung
Die Göteborg-Card gilt als Fahrkarte für Strassenbahnen und Busse sowie als Eintrittskarte für zahlreiche Museen und andere Attraktionen. Manche Läden geben darauf außerdem Rabatte. Für 24 Stunden kostet die Karte 315 Kronen, für 48 Stunden 425 und für 72 Stunden 565.

Geld
Schweden ist in etwa so teuer wie Zürich. Bezahlt wird mit schwedischen Kronen (SEK). 100 SEK kosten gut 11 Euro. Die gängigen Kreditkarten werden fast überall akzeptiert.

Öko:
Göteborg schmückt sich mit dem Titel „Europas Top Öko Destination“. Die Stadt will wie viele klimaneutral werden. Erstaunlich ist die Vielzahl an Bioläden und – Cafés sowie die Menge an Second-Hand- und Fair-Trade-Läden. Drei Viertel aller Hotels sind angeblich umwelt-zertifiziert.  Exzellent ist das Tram- und Busnetz. Die Bahnen fahren oft, pünktlich und überall hin. . Mehr über das „grüne Göteborg auf.
vasttrafik.se
greengothenburg.se

Inselfähren
Insel Styrsö
Zu den vielen Inseln in den Schären vor der Stadt fahren Fähren, auf denen die Strassenbahn- und Busfahrkarten gelten.
styrsobolaget.se

Fahrräder 
Überall in der Innenstadt stehen städtische Mietfahrräder. Nach einmaliger Registrierung können auch Touristen damit fahren.
en.goteborgbikes.se

Ausgehen:

Praktisch ist die im Touristenbüro kostenlos erhältliche Zeitschrift Djungel-Trumman (Buschtrommel) in der (auf Schwedisch) sämtliche Events in den einzelnen Klubs stehen. Zusätzlich gibts eine Karte mit Beschreibung fast aller Bars und Discos.

After Work:
Am frühen Abend haben viele Lokale unter dem Motto „After Work“ günstige Sonderangebote. Dies erklärt auch, warum Kneipen und Restaurants am späten Nachmittag (ca. 18 Uhr) besonders voll sind.

Fika:
Ihr Kaffeetrinken ist den Schweden heilig. Freunde und Familien verabreden sich gerne zu einer ausgiebigen Fika (Betonung auf der ersten Silbe) zuhause oder in den Cafés der Stadt. Die Göteborg (Gothenburg) – Gruppe der Couchsurfer trifft sich jeden Sonntag Mittag zum Fika im Café des Museums der Weltkulturen.
couchsurfing.org

Viktors Kafe:
Sehr freundliches, entspannendes Kaffeehaus am oberen Ende der teuren Haupt-Flaniermeile Avenyen: Viktors Kaffe Geijersgatan 7
vimeo.com

Waycup:
Großes, stylisches Kaffeehaus, eingerichtet mit Recyclingmaterialien, viele Bio-Produkte, Järntorget 3
waycup.se

Haga Nygata
Cafés und ausgefallene, bunte Läden (Boutiquen, Lebensmittel, Souvenirs und mehr) reihen sich an der Haga Nygata in Göteborgs ältestem Stadtteil Haga.

Santo Domingo
Venylschallplatten witzige Souvenirs und sehr guten Kaffee hat das Santo Domingo im angesagten Kneipenviertel rund um den Jörntorget, Andra Langgatan 4
cafesantodomingo.se

Ölrepubliken
Bier in fast allen erdenklichen Varianten gibt’s im Ölrepubliken (Bierrepublik), Kronhusgatan 2b
olrepubliken.se

HagaBion
Biergarten, Bars und Kneipe auf mehreren Ebenen sowie ein Programmkino, das u.a. deutsche Filme im Original zeigt bietet das HagaBion in einem uralten Fabikgebäude, Prinsgatan 38 Ecke Linnégatan
hagabion.se

Linnéterrassen
Gleich gegenüber liegt die Location für Sonnenanbeter/innen: Auf die Terrasse der Linnéterrassen (Bar, Kneipe und Restaurant) scheint die Sonne, wenn sie überall sonst in Göteborg längst nicht mehr zu sehen ist, Linnégatan 32
linneterrassen.se

Kulturzentrum Pustervik
Konzerte, Clubbing-Nächte und Parties bietet das Kulturzentrum Pustervik in bester Innenstadtlage, Järntorgsgatan 12
pustervik.nu

Mehr Ausgehtipps unter:
visitsweden.com

Stadttouren auf Segway-Rollern: 
segwayadventure.se

Fahrplan und Fahrkarten der Schwedischen Bahn SJ:
sj.se

Anschauen:

Museum der Weltkulturen: 
quer gedachte Ausstellungen über die Kulturen dieser Welt, manche Räume können die Besucher/innen mitgestalten, Södra Vägen 54 (Tram: Korsvägen), Di. – So. 12-17 Uhr
varldskulturmuseerna.se

Science-Center und Naturkundemuseum
Fast gegenüber in Sichtweite liegt das große Science-Center und Naturkundemuseum mit vielen Experimenten zum Mitmachen: Universeum, Södra Vägen 50
universeum.se

Aeroseum: 
Flugsimulator und Ausstellung über die Geschichte der Fliegerei in einem ehemaligen unterirdischen Hangar der Luftwaffe 15 km vom Zentrum, Holmvägen 100
aeroseum.se

Liseberg:
Den Charme vergangener Zeiten versprüht der 1923 gegründete Liseberg-Vergnügungspark (mit mehr als drei Millionen Besucher im Jahr das beliebteste Ausflugsziel Schwedens) mit seiner Holz-Achterbahn, Märchenschloss und dem Spiegelkabinett. Wer es gerne wilder hat, kann von Europas angeblich höchsten Freifall-Turm in die Tiefe stürzen. Zu seinem 90. Geburtstag wurde der Park frisch renoviert und aufgerüstet.
liseberg.com

Botanischer Garten
Göteburgs Botanischer Garten ist – nach eigenen Angaben – der größte Skandinaviens. Schön ist er auf jeden Fall, Carl Skottsberg Gata 22a
gotbot.se

Park des Gartenvereins:
Der im 19. Jahrhundert am Stadtgraben angelegte Park beherbergt ein Rosarium mit 2500 Rosen und das Palmenhaus von 1878, eine Kopie des damaligen Crystal Palace in London,
tradgardsforeningen.se

Kunst:

Nicht nur Dank seiner Kunsthochschule ist Göteborg ein Hotspot für (moderne) Kunst und Design im Norden. Zahlreiche Galerien zeigen die Kreativität, die die Stadt hervorbringt, zum Beispiel:

Röda Sten Art Center
in einem ehemaligen heizkraftwerk von 1940, Rum 26, http://rum26.se
rodasten.com

Kunstmuseum:
Der mächtige Bau aus den 1920er Jahren beherbergt eine große Sammlung moderner nordischer Kunst, Werke aus früheren jahrhunderten und zahlreiche Wechselausstellungen, Götaplatsen
konstmuseum.goteborg.se

Hasselblad- Center
Im Anbau aus den 60er Jahren zeigt das Hasselblad- Center u.a.  Fotoausstellungen, u.a. die Siegerbilder des Hasselblad Awards
hasselbladfoundation.org

Röhsska Museum
für Mode, Design und Kunsthandwerk
http://rohsska.se

Festivals

Im Sommer locken zahlreiche Festivals Tausende Besucher nach Göteborg:

Gaypride:
westpride.se

Electronic Dance Festival Summerburst:
summerburst.se

Hardrock:
metaltown.se

3tägiges Musikfestival im Stadtpark Slottsskogen:
wayoutwest.se

Städtisches Kulturfestival:
(Open-Air) – Konzerte, Kultur und Unterhaltung, freier Eintritt:
kulturkalaset.goteborg.com

Leute treffen:

Mehr als 10.000 Schwedinnen und Schweden haben sich inzwischen auf der Internetseite visitaswede.com registriert. Gerne zeigen sie Touristen ihr Land, ziehen mit ihnen um die Häuser oder laden sie zu sich nach Hause ein. Wer Einheimische kennen lernen will registriert sich auf der Seite, gibt seine Interessen ein und bekommt dann Vorschläge für neue Bekanntschaften.
visitaswede.com

Ausflug:

Schloss Gunnebo:
Schloss mit weitläufigen Gärten an einem (Bade)See im Wald mit hervorragendem Restaurant: Die saisonal ausgerichtete Küche verwendet Gemüse und Kräuter aus dem eigenen Garten und viele Bio-Produkte. Mittags  gibt es ein großes Büffet. Möllndal (mit Strassenbahn und Bus erreichbar)
gunneboslott.se

Schären:
Mit der Tram Linie 11 ans Meer nach Saltholmen. Von hier starten die Fähren auf die zahlreichen Inseln im Schärengarten vor der Stadt.

Einkaufen:

Für Fans ausgefallener Designerklamotten und junger Labels (viele davon Fair Trade und Bio) ist Göteborg DIE Stadt. Viele ihrer Läden finden sich in Haga an der und rund um die Haga Nygata mit ihren alten Holzhäusern und im Viertel an der Vallgatan in der Innenstadt.  Hier hat sich eine Designerin von Lee mit einem eigenen Label selbstständig gemacht: Nudie verkauft nach eigenen Angaben inzwischen jedes Jahr eine Million Paar Jeans aus Bio-Baumwolle und Fair Trade, Vallagatan 15,
nudiejeans.com

Magasin 11
Ausgefallene Inneneinrichtung und Café in einem bietet das Magasin 11, Magasinsgatan 11

Eco & Fair
Klamotten aus fairem Handel und Bio-Stoffen, Schuhe, Einrichtung und mehr, Landsvägsgatan 38
minni.se

Dem Collective
Label für fair produzierte Kleidung, die in einer eigenen Fabrik in Sri Lanka hergestellt wird, Storgatan 11,
demcollective.com

Myrorna
Großes Second Hand Kaufhaus auf vier Etagen mit Kleidung, Büchern, Hausrat, Möbeln sowie Raritäten in der obersten Etage
myrorna.se

Fisch, Obst, Gemüse
Frisches Obst und Gemüse und vor allem reichlich frischen Fisch bietet die 1874 wie eine Kirche errichtete Markthalle Feskekörkan (Fischkirche)

Fischauktion
Für Frühaufsteher: Fischauktion im Fischereihafen, Mo. ab 7 Uhr, Di. – Fr. ab 6 Uhr 30 im Fischereihafen, Tram-Station Stigbergstorget

…. und noch eine Kulturhauptstadt startet durch: Mons

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Erhobenen Hauptes aus der Krise: Mons
Mons, Belgien

Ein eigenwilliges belgisches Städtchen wird Europas Kulturhauptstadt.

Mons. Europas bisher kleinste Kulturhauptstadt will groß herauskommen. Im wallonischen Mons bauen weltberühmte Architekten. Vincent van Gogh, der ursprünglich Pfarrer werden wollte, entdeckte hier sein Maltalent. Touristen bietet die Kleinstadt im ehemaligen belgischen Kohlerevier drei Welterbestätten und ein Stadtfest, das die Vereinten Nationen als „lebendiges Brauchtum“ zum immateriellen Welterbe erhoben hat. Die ganze Stadt feiert mit.

Von Robert B. Fishman 

be_Mo_GP213Moderne Kunst gedeiht in Mons auf ehemaligen Zechen, in verlassenen Fabriken und auf Baustellen: Stararchitekt Santiago Calatrava entwarf den rund 90.000 Bewohnern der Europäischen Kulturhauptstadt 2015 den neuen Bahnhof, Daniel Libeskind das Kongresszentrum.

„Wir bauen keine weißen Elefanten“, verspricht Kulturhauptstadtdirektor Yves Vasseur. Das 75 Millionen Euro teure Kulturhauptstadt-Programm bleibe auf Augenhöhe mit den Menschen.

Mehr als 500 Projektvorschläge schickten die Bürger aus Mons und Umgebung an die Stiftung, die das Programm organisiert. 22 wählte sie aus. Emanuel Vinchon kümmert sich um die, die abgewiesen wurden.

„Wir reagieren auf jede Beschwerde“, verspricht er. Wir bitten die Leute, uns zu sich ins Viertel einzuladen, bringen Essen und Getränke mit und hören zu.“ Dann helfen die Kulturhauptstadt-Manager den Bewohnern, eigene Projekte zu entwickeln. Rund 9.000 der etwa 90.000 Monser hätten sie damit bisher erreicht. „Kulturmacher müssen sich für die Leute interessieren, nicht umgekehrt“, findet Vinchon.

„Die Kulturhauptstadt-Stiftung war lange Zeit wie ein Panzer: niemand wusste, was darin vorgeht und wo hin sie fährt“, kritisiert Alexandre Seron. Begeistert zeigt er Besuchern als ehrenamtlicher Stadtführer seine Heimatstadt. Mons, das sind für ihn die vielen Freunde und die Möglichkeit, Ideen gemeinsam schnell umzusetzen.

Alle paar Schritte begrüßen ihn Menschen mit Umarmungen, Küsschen links und Küsschen rechts. Die von außerhalb eingeflogenen Kulturhauptstadt-Mitarbeiter hätten lange nicht verstanden, wie die Leute hier ticken, sagt Seron.

„Schau Dir meinen Vater an“, nennt die 37jährige Frohnatur ein Beispiel: „Mit 16 hat er die Schule verlassen und bis zur Rente bei der Eisenbahn gearbeitet. Bis zur Schließung der Zechen hat er Grubenzüge gefahren.“ Ins Theater ginge er nie. „Er versteht nicht, worum es bei der Kulturhauptstadt geht.“ Die Stiftung Mons 2015 sei, viel zu spät auf die Menschen in der Stadt zugegangen.

Umsonst war die Mühe nicht. Rund 1300 Leute haben sich inzwischen als ehrenamtliche Botschafter der Kulturhauptstadt bei der Stiftung gemeldet.

„Wir haben hier andere Probleme“, schimpft der Graubärtige mit den zum Zopf gebundenen langen Haaren an seinem Stand in der Fußgängerzone. „Meine Frau war Lehrerin“, erzählt der stämmige End-Fünfziger: „Manche Schüler kommen barfuß in die Schule, weil sich die Eltern keine Kinderschuhe leisten können.“ In den Gemeinden rund um Mons, dem ehemaligen Kohlerevier Borinage, „kennen viele Kinder ihre Väter und Großväter nur in Trainingshose vor dem Fernseher: Arbeitslose in der dritten Generation.“

Stadt zwischen Angst und Furcht

Am Stand verkauft Seile in den Stadtfarben Rot-Weiss, die sich die Monser und ihre Gäste zum Stadtfest Doudou um den Hals hängen, dunkelblaue T-Shirts mit der Aufschrift „Les Montois ne periront pas“. Die Monser werden nicht vergehen.

Der Glockenturm, der die Hemden ziert, erinnert an den ständigen Machtkampf mit den Stiftsdamen der Heiligen Waltrudis, den Channoinesses de Saint Waudru. Mit ihrem Kloster hatten die eigenwilligen Damen einst auf einem Hügel zwischen den Flüssen Haine (Hass) und Trouille (Furcht) den Grundstein der Stadt gelegt. Der einflussreiche Orden mit besten Beziehungen in Europas Königshäuser gehörte erst zu den Benediktinerinnen, dann zu den Augustinerinnen. Später gingen die Schwestern eigene Wege. Die Stiftsdamen wohnten in ihren eigenen Häusern. Sie durften heiraten und jederzeit den Orden verlassen. Aus ganz Europa zogen einflussreiche adelige Frauen in diese freie Gemeinschaft.

Vier Mal Weltkulturerbe

be_Mo_SW2-7Die Bürger, mit Handel, Holzverarbeitung, Bier und Stoffen reich geworden, wollten mitbestimmen. Nach dem Einsturz des ersten Glockenturms stritten sie mit den Stiftsdamen jahrelang um die Zeiten, zu denen die Glocken eines neu zu bauenden Turms läuten sollten. Schließlich errichtete die Stadt im 17. Jahrhundert ihren eigenen Belfried. Teuer und weithin sichtbar zählt der einzige Barock-Glockenturm Belgiens inzwischen ebenso zum Weltkulturerbe wie das ehemalige Zechengelände Grand Hornu, die prähistorischen Steinbrüche in Spienne und das Stadtfest Ducasse, das die Einheimischen Doudou nennen.

klassenlose Gesellschaft

Jedes Jahr nach Pfingsten feiern die Montois eine Woche durch. Am Mittwoch Abend sammeln sich Hunderte im Wohnzimmer der Stadt, dem von Cafés, Kneipen und Bars gesäumten Großen Platz im Herzen der Altstadt. Man trifft Freunde, quatscht, trinkt und tanzt bis in die Nacht. Überall in der Innenstadt haben die Kneipiers Bierstände aufgebaut. Aus Boxentürmen dröhnen heimische Chansons, Techno- und Mainstream-Sound. Viele tanzen auf der Straße. „Vive nous, vive vous, vive le Doudou“, Hoch leben wir und ihr und das Doudou, singen sie, viele Arm in Arm.

„Während des Doudou vergessen wir den Alltag“, schwärmt Alexandre Seron, „da sind wir eine klassenlose Gesellschaft.“ Der Unterschied zum Karneval: „Wir verkleiden uns nicht, weil wir erkannt werden wollen.“

be_Mo_SW2-15Am Samstag Abend strömen Honoratioren, einfache Bürger und Geistliche in die Kirche Sainte Waudru. Die vollen Klänge der Orgel füllen das weite gotische Kirchenschiff. Behelmte Männer in mittelalterlichen, schwarz-gelben Uniformen stehen mit Hellebarden in der Hand Spalier.

„Diesem magischen Moment kann sich kaum jemand entziehen“, verkündet der Pfarrer im gold-weißen Ornat, bevor er dem Bürgermeister symbolisch für ein Wochenende die Reliquie der Stiftsgründerin Waltrudis übergibt. Weil sie im 7. Jahrhundert Wunder vollbrachte und ein Kloster gründete sprach die Kirche sie heilig. Drei Bauern, die zu Unrecht verhaftet worden waren, befreite Waudru der Legende nach mit Gebeten von ihren Ketten.

Zu Orgelklängen seilen kräftige Männer in grünen Gewändern den Schrein mit den Gebeinen der Heiligen Waudru bedächtig ab, hieven ihn im Weihrauchnebel auf eine Sänfte und tragen ihn durch die Kirche. Ernste Gesichter beobachten die jährlich gleiche Prozedur. Behelmte Männer in mittelalterlichen Uniformen mit Hellebarden in der Hand bewachen. Monser in historischen Trachten defilieren vor dem Altar, wo sie sich andächtig verbeugen.

Geschmückt mit einer Schärpe in den Landesfarben verfolgt Belgiens Ministerpräsident Elio Di Rupo – erster Bürgermeister der Stadt –  mit anderen Ehrengästen das Geschehen. Der Kirchenchor singt zu den Klängen der Orgel, die Bach, Händel und heimische Lieder spielt. Als Organist und Chor das Doudou-Lied, die Hymne des Stadtfests anstimmen, stehen manchen die Tränen in den Augen.

Stolze Stadt

„Ich bekomme schon eine Gänsehaut, wenn ich daran denke“, erzählt die Künstlerin Rosalie, die sich den Auftakt des jährlichen Stadtfestes nicht entgehen lässt. Rosalie malt in ihrem Atelier, legt Mandalas und gibt Meditationskurse. In  die Kirche geht sie sonst „eher nicht“.

Nach der „Descente de la Châsse“ genannten Aufbahrung der Reliquie auf ihrem gold-weißen Prunkwagen folgt am Sonntag Morgen die Prozession durch die Stadt. Zu Tausenden drängen die Menschen auf die Grande Place.

be_Mo_Lu2-69Vor der Kneipe No Maison hat ein junger Kellner seinen Kopf auf eine Biergartenbank gelegt. Kurz hebt er den Blick und dreht die Faust vor seiner Nase. „Gestern zu viel erwischt“. Mühsam erhebt er sich, bringt einem Gast sein Bier. Auf dem Platz trinken Horden junger Kerle weiter und grölen Lieder, die nach Fußballstadion klingen. Zum Spaß schleifen sie sich gegenseitig durch die Arena, die Mitarbeiter der Stadt für den Höhepunkt des Festes auf der Grande Place errichtet haben.

Kräftige Männerhände geben ein weinendes Mädchen über die Köpfe die Menschen zu einer Tribüne, wo eine Zuschauerin die Kleine spontan in Empfang nimmt und tröstet. „Wir halten zusammen“, versichert Alexandre Seron. Trotz reichlich Bier und derber Späße bleibt das Fest friedlich. Wer im Gedränge Panik bekommt, wird sicher hinaus geleitet – zur Not über die Köpfe der anderen hinweg.

be_Mo_Lu2-57In einem mit Sand aufgeschütteten Kreis in der Mitte des Platzes kämpft der Heilige Georg gegen den Drachen. Das Spektakel folgt einer 500 Jahre alten Choreografie: Teufel schlagen mit Gummikeulen auf die Helfer des Heiligen Georg ein, der von zwölf weiß gewandeten kräftigen Männern getragener Drache mit einem rund fünf Meter langen Schwanz dreht sich gegen den Uhrzeigersinn. Sankt Georg, hoch zu Pferd, hält mit seinem Schwert dagegen. Alle Figuren und jede Handlung hat ihre symbolische Bedeutung. Immer wieder senken die Drachenträger den Schwanz des Ungeheuers in die johlende Menschenmenge, aus der Dutzende Hände nach dem schwarzen Büschel am Ende des Schweifs greifen. Ein Haar daraus soll Glück bringen.

Drei Mal versucht der Heilige Georg auf einem rot geschmückten Rappen sitzend den Drachen mit einer Lanze zu töten. Unter den Schreien der Menge zerschellt die Waffe am grünen Panzer des Tiers. Schließlich reicht eine rothaarige Frau im feuerroten Kleid einem Polizisten eine Pistole. Dieser gibt sie an den Heiligen weiter, damit er das Ungeheuer zur Strecke bringt.

Schatztruhe

be_Mo_Proz2-25Vor 14 Jahren hat der Männerzirkel, der die Rollen im Lumeçon genannten Drachenkampf besetzt, Ursula Heinrichs als erste Frau in den Kreis der Schauspieler aufgenommen. Der Kampf, sagt die 45jährige mit der dichten, roten Mähne, spiegelt die Stadtgesellschaft und vereinigt die Gegensätze. Der Heilige Georg stehe für Ordnung, für das Gute. Der Drache für Böses und Chaos. Deshalb drehe er sich gegen den Uhrzeigersinn. Die großgewachsene Darstellerin hat eine Weile gebraucht, sich in der Männerwelt der Drachenkämpfer Respekt zu verschaffen. Inzwischen, sagt sie lachend, „bin ich so etwas wie die Mutter der Kompanie“. Die Truppe sei eng befreundet und fiebere das ganze Jahr dem nächsten Stadtfest entgegen. Die Rollen im Drachenkampf sind begehrt. Mindestens 30 bewerben sich auf einen Platz. Ohne einen Paten als Fürsprecher hat man keine Chance.

Olivier Crépin trägt als Homme Blanc, als weißer Mann eine Pfote des schweren Drachens. „Mit sechs wollte ich mitmachen, mit 18 durfte ich mich endlich bewerben und nun bin ich 15 Jahre dabei“, erzählt der Muskelprotz mit den masskrugdicken Oberarmen. Drei Mal die Woche trainiert Crépin, Leiter eines Supermarkts, im Fitnessstudio. Dazu kommen die Proben. Für ihn ist das Stadtfest „Identität, Heimat, die Nähe zu Freunden und der Stolz auf unsere Stadt“. Manche „weinen, wenn sie nach 25 Jahren wegen der Altersgrenze nicht mehr mitmachen dürfen.“

„Eine Truhe voller, versteckter Schätze“, nennt Stadtführerin Catherine Stilmant Mons mit seinen versteckten Stadtvillen reicher Bürger und Ordensschwestern. Rund um die Grande Place, den Marktplatz mit seinem gotischen Rathaus und den verzierten Fassaden aus fünf Jahrhunderten sind zahlreiche historische Häuser erhalten geblieben – jedes genau fünf Meter breit. Bis ins 18. Jahrhundert bemass sich die Steuer für die Besitzer nach der Breite des Gebäudes. So türmte man Stockwerk um Stockwerk auf schmale Fundamente. Innen führen schulterenge Holztreppen steil nach oben. Große Menschen müssen den Kopf einziehen, um sich nicht an den niedrigen Decken mit den dunklen Holzbalken zu stoßen. Draußen gehen sie dann wieder erhobenen Hauptes, die stolzen Montois.

Hinweis:
Die Reise wurde unterstützt von Tourisme Wallonie-Bruxelles. Der Unterstützer hat keinen Einfluss auf den Inhalt dieses Beitrags genommen.

Mons Infos:

Anreise:
Mit der Bahn (DB oder Thalys) via Köln nach Liège (Lüttich) Guillemines. Von dort gibt es einen direkten Interregio via Charleroi nach Mons. Etwas schneller ist die Verbindung über Brüssel (Bruxelles-Midi). Der Mons nächstgelegene Flughafen ist Charleroi (40km) charleroi-airport.com, der allerdings keine direkten Verbindungen nach Deutschland, Österreich oder die Schweiz hat. Die gibt es zum Flughafen Brüssel brusselsairport.be/en/. Von dort fahren regelmäßig Regionalzüge direkt oder via Brüssel nach Mons (ca. 1 ¼ Std.).

Touristinfo:
Grand-Place 22, Tel. 065.335580, visitmons.be
Europäische Kulturhauptstadt 2015: mons2015.eu/de/
Stadtfest Ducasse (Doudou) de Mons: ducassedemons.info unddoudou.mons.be
Stadtmagazin online: votremagazine.be

Restaurants:

Le Salon des Lumières: Essen bei Kerzenschein im Ambiente des 18. Jahrhunderts, auch das Personal trägt die höfische Kleidung der Zeit, mediterrane Küche angelehnt an Rezepte des 18. Jahrhunderts, Rue du Miroir 23, Tel. 0474.292584, salondeslumieres.com, große Nachfrage, daher vorbestellen, Menue ab 35 Euro.

Henri: traditionelle regionale Küche in einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, Rue d’Havré 41, Tel. 065.352306

La table du Boucher, Rue d’Havré 49, Tel. 065.316838, latableduboucher.be

Ausgehen:

Le Chant du Fou (Das Lied des Verrückten), sympathische, ruhige Bar mit zahlreichen Bio-Biersorten kleiner Brauereien und fair gehandelten Produkten, Rue de Nimy 22, Tel. 0496.475808, facebook.com/Lechantdufou

Le Bâteau Ivre: Café Bar mit Livemusik, Rue de Nimy 1,facebook.com/pages/LE-BATEAU-IVRE-MONS-CYBERCAFE-CONCERTS-THEATRE

Elektro- und Technoclub Alhambra, Rue du Miroir 4, alhambramons.com

Programmkino Ciné Plaza Art, viele Filme in der Originalversion mit frz. Untertiteln, Rue de Nimy 12, Tel. 065 351 544 plaza-art.be

Einkaufen:

Passé Présent: Mit Kram aus dem ganzen 20. Jahrhundert vollgestopfter Trödelladen. Hier gibt es fast alles aus vergangenen Zeiten: Schuhe, Klamotten, Venyl-Platten, Dosen, Schachteln, Kisten…. Der Besitzer sammelt seit Jahrzehnten… Rue d’Harvé 58, Tel. 0484.974514

Regionaler Bauernmarkt: 1. Samstag im Monat auf der Place du Marché aux Herbes

Übernachten:

Frisch renoviert ist die Jugendherberge in bester (ruhiger) Innenstadtlage oberhalb des Hauptplatzes (Grande Place), Rampe du Château 2, Tel. 065.875570, lesaubergesdejeunesse.be/

Hotel St. James: Am Rande der Altstadt gelegenes modernes 3-Sterne-Hotel in einem stilvoll renovierten Backstein-Altbau aus dem 18. Jahrhundert. Die Zimmer im Hinterhaus sind ruhig. Place de Flandre 8, Tel. 065.724824,hotelstjames.be, DZ ab 83 € o.F.

In einem restaurierten alten Herrenhaus mit Garten mitten in der Altstadt bietet Compagnons11 verschiedene Gästezimmer, ÜF im DZ ab 80 € (keine Kreditkarten, keine Haustiere, nur Nichtraucher), Tel. 065.334414,compagnons11.be

Anschauen:

Kultur- und Ausstellungszentrum im 1855 erbauten Alten Schlachthof (Anciens Abbatoires), Place de la Grande Pêcherie, Tél.: 065.562034
bam.mons.be

Museum für zeitgenössische Kunst BAM, Rue Neuve, 8, Tel. 065.405330

Weltkulturerbe Barocker Glockenturm aus dem 17. Jahrhundert (wird nach Renovierung voraussichtlich Mitte 2015 wieder geöffnet)

Kulturkilometer:
Zentral in der Innenstadt finden sich das moderne Manège Theater (Rue des Passages 1, Tel. 065.353488, lemanege.com) die Maison Folies (Haus der Verrücktheiten) Rue des Arbalestriers 8, ein Kulturzentrum mit Ausstellungen und vielen Veranstaltungen und das Zentrum für Tonkunst Arsonic, ehemaliges Feuerwehrhaus, Rue de Nimy, musiquesnouvelles.com

Mundaneum:
1934 sah Paul Otlet (1868 – 1944) das Internet voraus: einen großen Bildschirm , auf dem man das Weltwissen über eine Telefonleitung abrufen kann. Dazu sammelte er in seinem Mundaneum alle damals verfügbaren Informationen und begann mit seinem  Partner Henri La Fontaine nach einem eigenen System zu ordnen. Inzwischen hat sich google zum Partner gemacht. 2015 soll die Sammlung nach dem Umbau wieder eröffnen, Rue de Nimy 76,mundaneum.org

Ausflüge:

Weltkulturerbe Grand Hornu:

In den 1820er Jahren erbauter Industriekomplex mit  Fabrikgebäuden, Arbeitergartenstadt, Herrenhaus und neuem Museum für zeitgenössische Kunst

Musée des Arts Contemporains
, Site du Grand-Hornu, 
Rue Sainte-Louise, 82
, Hornu, 
Tel. 065 652121, 
mac-s.be, Di.- So. 10 – 18 Uhr, ca. 8 km westlich von Mons, Bus 7 und 8 vom Bahnhof, www.grand-hornu.be

Maison Van Gogh: das Haus, in dem Vincent Van Gogh 1879/80 gelebt hat dokumentiert seine Lebensgeschichte, Rue du Pavillon 3, Cuesmes, Tel. 065.355611

Weltkulturerbe Prähistorische Steinbrüche von Spiennes (UNESCO-Welterbestätte), Rue du Point du Jour,  Spiennes (ca. 6 km südwestlich), wegen Renovierung bis ca. Mitte 2015 geschlossen

Wissenschaftspark Le Pass auf einem ehemaligen Zechengelände mit Experimenten zum selber Ausprobieren, Rue de Mons 3, Frameries, Tel. 070.222252, pass.be

Veranstaltungen:

24. Januar 2015: Eröffnung des Kulturhauptstadtjahrs

29. Mai – 6. Juni 2015 Stadtfest Ducasse (Doudou) de Mons, immaterielles Weltkulturerbe

Landgang in Valencia: Meine Reportage im Seereise-Magazin

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Seereisenmagazin.de

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Valencia – City of Arts and Science. Bauten der Stadt der Künste und der Wissenschaft nach Plänen des Architekten Santiago Calatrava im Abendlicht.Valencia – City of Arts and Science. Bauten der Stadt der Künste und der Wissenschaft nach Plänen des Architekten Santiago Calatrava im Abendlicht.

Sandstrand bis zum Horizont, ein abrissbedrohtes Fischerdorf, die angeblich größte Altstadt Spaniens, gesäumt von Alleen mit bis zu neun Etagen hohe Jugendstilbauten, eine Stadt der Wissenschaft und Künste, leerstehende Neubauviertel, eine Lagune, in der Reis und Aale gedeihen. In Valencia gibt es auch Haie, Hyänen und Pinguine, ein unvollendetes Mega-Stadion, einen halben Hafen ohne Schiffe, eine „Route der Korruption und Verschwendung” und einen Park im Fluss.

Valencia. Ein- bis zweistöckige Würfelhäuschen reihen sich an Gassen, die schnurgerade parallel zum Strand verlaufen. „Hasta Francia”, „bis nach Frankreich” heißt der nördliche Teil des Cabanyal, das landeinwärts mit Valencia zusammengewachsen ist. Viele der Häuschen tragen auf ihren Fassaden bunte Kacheln. Simse und Giebel sind mit Stuck verziert. „Modernismo Popular”, volkstümlichen Jugendstil nennen sie hier den wilden Stilmix. Mit einfachem Baumaterial versuchten die Fischer im Cabanyal vor rund 100 Jahren den aufwändigen Baustil der reichen Stadtbürger nachzuahmen.

ehemaliges Fischerviertel El Cabanyal

Mit Zitronen gehandelt

Anfang des 20. Jahrhunderts brach in Valencia ein Bauboom aus. Dank effektiverer Anbaumethoden lieferte das fruchtbare Umland drei Ernten im Jahr. Zitronen und Orangen aus Valencia verkauften sich über neue Bahn- und Schiffsverbindungen auch im Ausland bestens. Händler und Großgrundbesitzer demonstrierten ihren neuen Wohlstand mit aufwändig verzierten Fassaden im damals aktuellen Jugendstil. Rund um die Altstadt mit ihren engen Gassen säumen die prächtigen Bauten aus jener Zeit die breiten Alleen und palmengesäumten Plätze.

ehemaliges Fischerviertel El Cabanyal

Im bescheiden gebliebenen Cabanyal stellen immer mehr Anwohner Tische und Klappstühle auf den Placa de la Creu… weiterlesen

Die versteckte Stadt: Das scheinbar unscheinbare Pilsen ist Europas Kulturhauptstadt 2015

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Pilsen. Bier, Skoda und vielleicht noch die einst berühmten tschechischen Puppenspieler. Mehr fällt den Wenigsten zu Tschechiens viertgrößter Stadt ein. Dabei steckt Pilsen voller Überraschungen. Sogar Engel wirken hier.

Pilsen war jahrzehntelang eine „graue, schmutzige Industriestadt“, erzählt Oberbürgermeister Martin Baxa. Der entspannt wirkende ehemalige Geschichts- und Geografielehrer mit dem Drei-Tage-Bart im runden Gesicht will seiner Stadt ein neues Image verpassen: Kunst, Kultur, kreativ.

Das echte Pils

Pilsener Urquell BrauereiZwei Strassenbahnstationen außerhalb des Zentrums liegt der Südbahnhof. Die Bahn made in CSSR gleitet vorbei an der Großen Synagoge, deren Türme mit den beiden goldenen Davidsternen das Stadtzentrum überragen, passiert das moderne allerweltsgleiche Einkaufszentrum und Reihen grauer Häuserzeilen. Es geht vorbei an vierstöckigen Jugendstil-, verschnörkelten und klassizistischen Fassaden – manche frisch saniert, andere noch im rohen, realsozialistischen Einheitsgrau. Ein Stilmix aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Große Synagoge in PilsenMit Handel und Industrie ist Pilsen reich geworden: Maschinenbau, Metallindustrie und eine der größten Brauereien der Welt: 1842 brachte ein bayerischer Braumeister seine Handwerkskunst nach Böhmen. Der Betrieb wuchs zum Großunternehmen Pilsener Urquell heran. Die Stadt lieferte den Namen für die untergärige Biersorte: Pilsener, kurz Pils. Lecker schmeckt die ungefilterte, naturtrübe, nicht pasteurisierte Variante: Ein bronzefarbenes, hefehaltiges Bier, das die Brauereibesucher frisch vom Fass serviert bekommen. Weil es nach zwei, drei Tagen verdirbt bekommt man es nur in der Brauerei und einer Altstadt-Kneipe.

Kunst im Bahnhof…..

Kulturzentrum JohanAn den rohen Wänden des alten Südbahnhofs hängen Fotos in allen Größen. Durch die Gänge hallen Hammerschläge. In einem dunklen Raum werkelt ein 29-jähriger mit kahlgeschorenem Kopf und Stoppelbart: Lukasch Houdek klebt seine Din-A-3 großen Schwarz-Weiß-Bilder auf die nackten Wände. Auf den etwas unscharfen Fotografien posieren scheinbar verkrüppelte Gestalten mit schwarzen Gesichtern vor verfallenen Häusern im Böhmerwald. Eine verkrümmte Frau holt Wasser aus einem Brunnen. Fotograf Lukasch hatte für die gruselige Serie Freunde verkehrt herum in Trachten gesteckt, die ihm Vertriebene geliehen haben.

Kulturzentrum Johan

Er ist in einem Haus aufgewachsen, das einst Böhmen-Deutschen gehörte. Auf seine Fragen nach der Geschichte erhielt er ausweichende Antworten: „Meine Oma wusste viel aus dem Krieg“, erzählt der Fotograf. „An die Jahre danach konnte sie sich nicht erinnern“.

„Wir können alle zu Mördern werden“

So fing Lukasch an, nachzuforschen, durchsuchte das Internet und tschechische Archive. Was er fand, entsetzte ihn: Dokumente über Massaker an Zivilisten. Er verstehe die Wut der Menschen nach den Verbrechen der Besatzer. „Aber das rechtfertigt nicht die Morde an Unbeteiligten.“ Mit seinen Bildern will er zeigen, dass „wir alle zu Mördern werden können.“ Beliebt macht er sich damit in Tschechien nicht. In E-Mails und Briefen beschimpften ihn Landsleute als Verräter und von Deutschen bezahlten Geschichtsfälscher.

Bekannt geworden ist Houdek mit seiner Bilderserie „The Art of Killing“. Darin hat er Massaker an deutschen Zivilisten in Böhmen mit Barbiepuppen nachgestellt und fotografiert. Viele Zeitungen, darunter die „Süddeutsche“, berichteten darüber. Im Herbst startet er sein nächstes Projekt. Mit einer Kollegin will er zeigen, dass sich die Schicksale der heute so unbeliebten Flüchtlinge wenig von denen damals unterscheiden. Die warme Stimme des Fotografen lässt die Fotos in dem dunklen kalten Raum noch bizarrer und brutaler wirken.

Kulturzentrum Johan

1998 zogen die ersten Künstler in das halb verfallene, unbeheizte Nebengebäude des Südbahnhofs. Sie richteten in den mehr als 100 Jahre alten Jugendstil-Bauwerk Ateliers und Probenräume ein. Auf der Bühne in der ehemaligen Bahnhofshalle spielen Theatergruppen und Tanz-Ensembles. „Wir verbinden „art and education“, Kunst mit Bildung, berichtet Roman Cernik in der Kneipenstube des Kulturzentrums: Über der selbstgebauten Theke hängt das ausgediente schwarz-weisse Bahnhofsschild. Die Gäste sitzen auf alten Stühlen, die Unterstützer dem „Johan“ gespendet haben.

Roman, Jahrgang 63, kräftig und bärtig, hat das Kulturzentrum 1998 mitgegründet. „Hauptsächlich machen wir experimentelle Projekte, die verschiedene Kunstrichtungen verbinden. In der als verschlafen-konservativ verschrienen Provinzstadt habe sich das „Johan“ seinen Platz erkämpft. „Der Bürgermeister unterstützt uns. Mit der Europäischen Kulturhauptstadt planen wir Projekte“, freut sich Cernik.

Kulturzentrum Johan

In der Stadt werben Plakate und Fahnen für Pilsens Auftritt als Kulturhauptstadt Europas im kommenden Jahr. Einige ihrer Manager sind wie Außerirdische aus höheren Sphären kultureller Abstraktion ins Böhmerland gefallen. Intellektuelle – die meisten aus der Hauptstadt Prag – wie der künstlerische Leiter des Programms Petr Forman:

Unter dem Motto „Open Up“ will der Sohn des Regisseurs Milos Forman mit seinem Team die Pilsener und ihre Besucher mit „leicht zugänglichen Angeboten auf hohem Niveau“ begeistern: Zirkus ohne Tusch und Tiere, ein Auftritt bunter Riesenfiguren der Compagnie Royal de Luxe aus Nantes, ein barocker Musiksommer in verfallenen Land-Kirchen, ein interaktives Riesenkarussell aus Paris, das auf dem Hauptplatz gastieren wird. Das Programm sieht er „an der Nahtstelle zwischen Attraktion und Kunst.“

„Die Pilsener“, sagt Forman, „warten ab, aber wenn sie das Programm sehen, werden sie mitmachen.“ Der Künstler betreibt mit seinem Bruder das international bekannte „Forman Brothers Theatre“. Pilsen kennt er seit Kindertagen.

Pilsen will eine Kulturhauptstadt zum Mitmachen werden. Jakub Deml leitet das Programm „versteckte Stadt“. Mit seinem Team arbeitet er an einheimischen Charakteren, die Besuchern in Handy-Apps die Stadt aus ihrer Sicht nahebringen sollen: der Brauer, der das Pilsener Urquell erfand, ein Arbeiter der Skoda-Werke, ein Künstler oder ein zwölfjähriges Mädchen. Das Ziel: Die Figuren führen Touristen in Viertel, deren Bewohner sie in Empfang nehmen und sie in ihren Alltag einladen. Das Geld dafür kommt nicht nur aus dem 420 Millionen Kronen (rund 15 Mio.€ / 18 Mio. Franken) -Budget der Kulturhauptstadt.

Stadt voller Ideen

Über die Internet-Plattform everfund.cz sammeln die Projektplaner Unterstützung. „Ein Jahr lang haben wir weltweit Crowdfunding-Seiten untersucht“, erzählt Manager Ondrej, ein 36jähriger mit Fusselbart und Hipsterbrille. Eine bunte Kinderzeichnung ziert die Klappe seines MacBooks. „Das war meine Tochter“, erzählt der junge Papa. Er hat Kulturmanagement in Leeds studiert. Das Besondere an everfund: Die Betreiber beraten Leute, die dort ihre Projekte einstellen wollen und begleiten sie über die Startphase hinaus. „Wer beim Bühnenbau mit anpacken will oder ein Auto verleihen kann ist genauso willkommen wie ein Spender.“

„Entscheidend für den Erfolg sei die Belohnung, die die Initiatoren auf der Plattform anbieten. „Die Menschen wollen einmalige Erlebnisse und die Projekte mit gestalten. So sammeln derzeit Leute Unterstützung, die eines der vielen zubetonierten Flussufer renaturieren möchte. Denen schlägt Ondrej vor, Helfern ein Picknick mit Freunden am freigelegten Wasser zu spendieren.

Retro DiskoDie Stadt mit ihren knapp 180.000 Einwohnern steckt voller Ideen. „Wenn Du in die Hinterhöfe und Keller schaust, wirst Du tollen Menschen begegnen, die ihre Stadt lieben und etwas bewegen wollen.“ Franziska überschlägt sich fast vor Begeisterung. Seit vier Jahren lebt die Deutsche in Pilsen. Sie hat fließend Tschechisch gelernt. Die quirlige 27jährige lobt die vielen Vereine und Projekte, die „auch ohne Fördergelder verrückte Ideen“ umsetzen:

Vor einem leuchtend roten Vorhang geben die jungen Schauspieler des freien Theaters Abasta eine Vorstellung für Freunde. Ein Stück spielen sie auf „Tscheutsch“. In einer Mischung aus tschechisch und deutsch nehmen sie Verständigungsprobleme der Nachbarn auf die Schippe: Zwei Männer stecken Rücken an Rücken in einem T-Shirt. Mal spricht der eine auf Deutsch zum Publikum, dann der andere auf Tschechisch. Der nächste Sketch erzählt vom Blind Date einer schüchternen Tschechin mit einem großspurigen Deutschen.

„Tscheutsch“ hört man manchmal auch auf den Straßen der Pilsener Altstadt. Der Verein Tandem organisiert deutsch-tschechischen Jugendaustausch und bietet interaktive Stadtführungen auch auf „Tscheutsch“ an. Wer mitgeht, muss Aufgaben lösen und mit den anderen reden – egal wie.

HauptplatzAnděl zum Beispiel heißt Engel. Die gedeihen in Pilsen prächtig: Als Café-Restaurant, das vegetarische Kost serviert, als vergoldete, wasserspeiende Figur auf dem Platz der Republik oder versteckt an einem Gitter hinter der Sankt Bartholomäus Kathedrale:  Dort blicken 25 kinderfaustkleine Engelsköpfchen auf die Passanten. Immer wieder bleibt jemand stehen, hält ein abgegriffenes, silber glänzendes Köpfchen fest und geht nach ein paar Sekunden weiter. Wünsche, an die man dabei denkt, gehen der Legende zufolge in Erfüllung.

Hauptplatz

Platz der Republik (Marktplatz) bei Nacht

Die Reise wurde teilweise unterstützt vom Deutschen Kulturforum Osteuropa, Potsdam

Pilsen Infos:

Anreise:

Aus Nord- und Ostdeutschland gibt es Bahnverbindungen via Prag (auch mit dem Nachtzug City-Nightline), aus Süddeutschland, Österreich und der Schweiz via Regensburg oder Nürnberg. Auf der Strecke Pilsen-Regensburg-München fahren durchgehende  „Alex“-Züge, http://www.bahn.de, http://www.oebb.at, http://www.sbb.ch

HauptplatzEuropäische Kulturhauptstadt Pilsen 2015: www.plzen2015.cz/de

Veranstaltungskalender und Infos auf Deutsch: http://www.bbkult.net, tschechisch auchhttp://www.zurnalmag.cz/

Deutschsprachige Infoseite der Stadt Pilsen: www.pilsen.eu/burger

Pilsen-Reiseführer als Handy-App: http://www.pilsen.eu/burger/uber-die-stadt/multimedia/mobiler-touristenfuhrer/

Tschechische Zentren (Kulturaustausch, Information über die Tschechische Republik u.a.) http://www.czechcentres.cz in Berlin, München, Wien (auch zuständig für die Schweiz):

Wien: http://wien.czechcentres.cz

Infoseite über Pilsen der deutsch-tschechischen Jugendaustausch-Koordination „Tandem“ mit Links zu Veranstaltungen und Infos zu den interaktiven Stadtführungen: http://www.erlebepilsen.eu

Tandem – Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch http://www.tandem.adam.cz

Tschechien-Online-Reiseführer Westböhmen: http://www.czechtourism.com/de/a/west-bohemia/

Online-Reiseführer mit virtuellen 360-Grad Rundgängen durch zahlreiche Sehenswürdigkeiten (Englisch): http://www.360globe.net/czech-republic/pilsen.html

Museen:

Westböhmisches Museum (deutschsprachige Seite über das Regionalmuseum): www.bbkult.net/kulturdatenbank/details/adresse-11435886880491.html

Das Patton Memorial Pilsen erinnert an die letzten tage des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung der Stadt durch die 3. US-Armee 1945: www.patton-memorial.cz/en/museum/

Brauereimuseum und Besichtigung der Pilsener Urquell Brauerei: http://www.prazdrojvisit.cz/de/

Die reiche Geschichte des böhmischen und dann tschechischen Puppentheaters erzählt das Marionettenmuseum: Nám. Republiky 23, Di- So. 10 – 18 Uhr  http://www.muzeumloutek.cz. In einem Raum des Museums können die Besucher die Puppen unter Anleitung selbst ausprobieren.

Jüdisches Pilsen: www.jewish-route.eu/deutsch/mesta/01_plzen/plzen.htm;

Meditationsgarten von Luboš Hruška als Gedenkstätte und Mahnmal für die Opfer totalitärer Diktaturen: www.radio.cz/de/rubrik/tourist/meditationsgarten-in-pilsen-doudlevce-ein-mahnmal-fuer-opfer-des-totalitarismus

Mai bis Sept. Mi. – So. und nach Vereinbarung. Von der Bushaltestelle Tyrs-Brücke im Pilsener Stadtteil Doudlevce sind es bis zum Garten knapp zwei Kilometer. Der Weg dorthin ist ausgeschildert.

Restaurants:

Das ungefilterte untergärige Pilsener Urquell Bier gibt es nur im Lokal der Brauerei und im Pivovarský šenk Na Parkánu,

Veleslavínova 59/4 (gegenüber Marriot Hotel) Tel. +420 377 324 485http://naparkanu.com/de

Burger (teilweise aus Bio-Fleisch) serviert das Delish, Riegrova 20, http://www.delish.cz/ 

Café mit eigener Rösterei in einem ruhigen, gemütlichen Innenhof auf der Nordseite des Hauptplatzes Café Orient Coffee, Nám. Republiky 21, http://www.orientcoffee.com

Café Bistro Anděl, Bezručova 5: Café-Restaurant mit vielen vegetarischen Gerichten, http://www.andelcafe.cz

Lesen:

Zeitung der deutschen Minderheit in Tschechien

Ausgehen:

Kulturzentrum Johan im alten Südbahnhof (Festivals, Konzerte, Poetry-Slams, Theater, Tanz, Filme, Fotografie, montags offene Probebühne)   JOHAN o.s. – centrum pro kulturní a sociální projekty, Havířská 11

Musikkneipe mit vielen Live-Auftritten: Divadlo Pod Lampou, Havířská 11, Tel.: 378 037 800, http://www.podlampou.cz

Musik- und Kulturkneipe Zachs Pub: Palackého nám. 2 , Tel./Fax: 377 22 31 762http://www.zachspub.cz

Musikkneipe (viele Livekonzerte, großer Biergarten im Hof) Bílej medvěd (Eisbär), Prokopova 336/30 Tel.:377 322 445

Buena Vista Club, Kollárova 20, Plzeň

Sally Brown Club: Die Gäste können im Biergarten ihr mitgebrachtes Essen grillen und dazu die Getränke bestellen. Kopeckého Sady 15, Tel. +420-774-991-969

Musikbar und modernes Retro-Cafe Andzel (Engel), Bezručova 7, Tel.: +420 773 830 711 http://www.andelcafe.cz/

Kneipe mit vielen Live-Konzerne und Biergarten im Grünen: ŠACHMAT, Sídlem Purkyňova 994/29, Tel. +420 605 943 499, http://sach-mat.cz

Weitere Tipps

Unterkunft:

Hotel Rous, Zbrojnická 7, http://www.hotelrous.cz in einem restaurierten Bürgerhaus in einer ruhigen Seitenstraße am Hauptplatz,  Doppelzimmer ab 75 Euro.

Veranstaltungen:

Übersicht auf Deutsch: http://www.pilsen.eu/turist/freizeit/traditionelle-veranstaltungen/

Mitte April und Mitte September:

Tage der offenen Tür in den von dem tschechischen Architekten Adolf Loos (1870 – 1933) gestalteten Räumen: www.pilsen.eu/turist/besuchen-sie/weitere-interessante-orte/loos-s-interiors/looss-interiors-1.aspx, Anmeldung erforderlich, Führungen nur auf tschechisch

Ende April:

Festival des tschechischen Films: www.festivalfinale.cz/en/

Erste Mai-Woche:

Freiheitsfest zur Erinnerung an die Befreiung von der Nazi-Besatzung: www.bbkult.net/redaktion/details/13983261037391.html

Frühjahr / Sommer: Kunst- und Theaterfestival Divadlo pod Pilsenscym Nebem (Unter dem Pilsener Himmel) http://www.divadelnileto.cz/

Juni: Der Verein ponton, dessen Mitarbeiter_innen sich vor allem um benachteiligte Kinder und Jugendliche kümmert, organisiert u.a. ein Roma- Kulturfestival, http://ponton.cz

Juli: Straßentheater- und Musikfestival Ziva Ulice, http://www.zivaulice.eu/de/

Oktober. Elektrofestival Pig mit Links zu den beteiligten Kneipen: http://www.partyplzen.cz/

Okt. – Dez. Jazzfestival Jazz ohne Grenzen: http://www.jazzbezhranic.com/

Geld:

Tschechien hat seine Krone (CZK)als Währung behalten. Für einen Euro bekommt man zwischen 25 und 27 Kronen, für einen Franken 20 bis 22 Kronen. Wer größere Summen tauschen möchte sollte die Preise in den Wechselstuben vergleichen. Es gibt Unterschiede.

Telefon und Internet:

Die Landesvorwahl für Tschechien ist +420. Dann wählt man direkt die Nummer. Für Handy bekommt man an Kiosken, in Supermarkt und Getränkeläden eine örtliche SIM-Karte mit Gesprächsguthaben für rund 200 Kronen. Die meisten Cafés und Kneipen haben freies W-Lan. Das öffentliche, kostenlose W-Lan der Stadt funktioniert nur an wenigen Orten.

Mehr Infos zum Nachlesen:

Opernsänger und Roma-Aktivist Miroslav Bartoš: www.bartmibo.wz.cz, Interview zum Thema mit dem aus Pilsen stammenden Roma-Aktivisten David Tiser: www.searchlightmagazine.com/news/international-news/czech-neo-nazi-marches-target-roma

EU-gefördertes grenzüberschreitendes Projekt „Geschichten aus dem Sudetenland“: memory.cpkp-zc.cz

Die Rache der Befreier: Der Fotograf Lukas Houdek http://www.houdeklukas.com hat Verbrechen während der Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg mit Barbiepuppen nachgestellt und fotografiert: : www.houdeklukas.com, www.sueddeutsche.de/kultur/fotokuenstler-luk-houdek-meine-landsleute-nennen-mich-verraeter-1.1601457; http://www.goethe.de/ins/cz/prj/jug/kul/de10663744.htm

Belfast: Auf dem langen Weg zum Frieden

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Belfast, Rathaus


Belfast. Im 17. Jahr nach dem Friedensschluss bleibt Nordirlands Hauptstadt Belfast geteilt: Bis zu acht Meter hohe „Friedens“- Mauern trennen die katholischen von den protestantischen Vierteln. Doch in der Innenstadt hat die Zukunft längst begonnen. UK_BT_FR_Par2903Die Menschen drängen in die neuen Kneipen, Cafés und Einkaufszentren. Jeden Abend spielen Bands. Musiker tun sich
in den zahlreichen Pubs zu spontanen Irish Folk Sessions zusammen.UK_BT_CQ_Vi2767Wer mag, kann irische Trommelkurse oder Tanzfeste, die Céilí, besuchen. Das ehemalige Hafenviertel hat die Stadt zur Museums- und Vergnügungsmeile umgebaut: Edle Wohnungen, Restaurants, ein Yachthafen, Geschäfte, ein Maritim- und ein Titanic-Trail, der das berühmteste Werk der Stadt multimedial in Szene setzt: Den 1912 gesunkenen Luxusdampfer Titanic. „Es wird jeden Tag ein bisschen besser“, sagt ein ehemaliger IRA-Kämpfer, der jahrelang im Gefängnis gesessen hat.

Belfast Black Cabs Gedenktafel

Billy Scott kommt mit einem zwölf Jahre alten rabenschwarzen Londoner Taxi vorgefahren. Der kräftige Mittfünfziger saß schon hinter dem Steuer, als Taxi fahren in Belfast noch lebensgefährlich war: Während des Bürgerkriegs beschossen Kämpfer beider Seiten die städtischen Busse an der protestantischen Shankill und der katholischen Falls Road. Die Stadt stellte den Betrieb ein. Auch die Taxifahrer aus anderen Vierteln trauten sich nicht auf die Falls Road, wo sich Jugendliche laufend Straßenschlachten mit der britischen Armee lieferten. Daraufhin richteten die einheimischen Taxifahrer einen eigenen Liniendienst ein. Der Krieg ist vorbei. Die Black Cabs genannten Autos der katholisch-republikanischen Taxigenossenschaft fahren immer noch. Wer an der Falls Road die Hand ausstreckt, wird mitgenommen. Die Fahrt im Sammeltaxi kostet zwischen 1,30 und 1,70 Pfund…… weiterlesen

„Als Schreiber musst Du wissen wollen“

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Foto: Robert B. Fishman

 

Schreibwerkstatt mit Andreas Altmann

Unteralpfen. 16 Leute sitzen in einem Schwarzwald-Bauernhof um dem Guru. Er fragt. Wer die Antwort am schnellsten liefert bekommt ein Buch. Ich bin im falschen Film – einem guten. Die Gäste schenken Geschichten, ihre Lebensgeschichten: Familien- und Beziehungsdramen, gelungene und gescheiterte Lieben, Sado-Maso-Abenteuer, religiöser Wahn tyrannischer Väter, Drogenkarrieren. Guru Schriftsteller Andreas Altmann fragt nach, will es noch genauer wissen. Haben Dich Deine Eltern geliebt, geachtet, warum haben sie sich (nicht) getrennt…? So füllen dichte, intime Gespräche über 16 Biografien zweieinhalb Tage.

Statt in einem Schreib- bin ich in einen Biografieworkshop geraten. Dazwischen ein paar Worte zur Seelenvita in 1.300 Zeichen, die jede/r vorher schreiben und mitbringen sollte. In den fehlenden Pausen liest der Meister kleine Texte aus seinen Büchern, meist kluge Sätze über das Schreiben und von Begegnungen auf Reisen. Gestaunt, gelacht, gelernt. Nehme die Geschenke mit und pfeife auf das, was ich erwartet hatte.

Foto: Robert B. Fishman