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Heraklion. „Uninteressant“ sind die freundlicheren Kommentare, die ich vor meiner ersten Reise nach Kreta über die Insel-Hauptstadt Heraklion (Iraklion) gehört habe. Eine wirkliche Altstadt gibt es tatsächlich nicht. Viel sei angeblich abgerissen worden. Bauunternehmen hätten, so berichtet mir eine Kennerin des Landes, über Jahrzehnte Altbauten gekauft, abgerissen und neue Wohnblöcke auf den Grundstücken errichtet. Die Alt-Eigentümer bezahlten sie mit einer Wohnung in der neuen Anlage.

restaurierter Hafen

Die wenigen alten Prachtbauten wie das venezianische Fort, die Sankt Markuskirche und die Loge der Venezianer Venezianische Loggia

lässt die Stadt nachts festlich beleuchten. Niemand soll sie zwischen all den Würfelhäusern der letzten 40 Jahre übersehen. Meeresufer in Heraklion

Die „Waterfront“, also Uferpromenade, ist frisch renoviert und mit modernen Cafés und Restaurants bestückt. Der kleine Hafen, in dessen Wasser noch ein paar Fischerboote schaukeln nennt sich nun Marina und die meisten Straßen im Zentrum sind zur Fußgängerzone aufgestiegen. Sie bieten reichlich Platz für Stühle und Tische der Cafés, Bars und Restaurants. 

Bar in Heraklion bei Nacht

Vor allem am Wochenende sind sie gut besucht – trotz Wirtschaftskrise. Eine Griechin erklärt mir das vermeintliche Wunder von Heraklion: „Wir können doch nicht nur zu Hause sitzen, weil wir keinen Job und kein Geld haben. Wir müssen raus, unter Menschen.“ So tränken viele Cafébesucher an einem langen Abend nur einen griechischen Kaffee für 1,50 oder ein Glas Wein für 2 €. In Bars und Cafés sieht man vor allem junge Leute. In vielen Familien legten Eltern und Großeltern zusammen, damit die Jungen ausgehen können.

In einer kleinen Kneipe erzählt uns eine Einheimische mit ihren wenigen englischen Worten von ihrer Wohnung, die sie nun verkaufen müsse: 100 Quadratmeter Erdgeschoss in der Innenstadt, renoviert. Den Preis habe sie schon auf 84.000 Euro gesenkt. Dennoch finde sie keinen Käufer. Der Mittfünfzigerin scheint es nicht gut zu gehen. Blass ist sie, Ringe unter den müde wirkenden Augen. Morgen habe sie Geburtstag. Deshalb lädt sie uns ein, übernimmt die ganze Rechnung für sechs Ausländer und zwei Griechinnen vom Festland. Meinen Protest  lassen unsere beiden griechischen Begleiterinnen nicht gelten. Keine Chance. „Sie ist unsere Freundin und wäre tödlich beleidigt, wenn sie Euch nicht einladen darf.“ Gerne würde ich einer der beiden wenigstens Geld für ein Geburtstagsgeschenk geben. Ausgeschlossen, kommt nicht in Frage. Ihr seid eingeladen.

  nächtliche Straße

Fremdschämen ist angesagt für die vielen hämischen Sprüche, die deutsche Medien über „die faulen Griechen“ verbreiten, für die „wir zahlen müssen“. Das viele Geld, das sich die früheren Athener Regierungen geliehen haben, floss zu einem großen Teil zurück nach Deutschland: Reiche kauften gerne Mercedes, BMW und Audi. Und die Armee hat fleißig in deutschen Rüstungsschmieden eingekauft. Griechenland leistet sich (pro Einwohner gerechnet) die größte Armee in der EU.

„Since we cannot change reality, let us change the eyes which see reality.”
― Nikos Kazantzakis (Der Schriftsteller (Alexis Zorbas u.a.) ist in der Nähe von Heraklion geboren und aufgewachsen. Ein Museum erinnert an ihn.

Mehr Infos zu Griechenland und deutsch-griechische Begegnungen gibt es in beiden Sprachen auf dem diablog

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