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Restaurant Salon des Lumières

 

Mons (Belgien). Im „Salon des Lumières“,dem Salon des Lichts – oder der Aufklärung – speisen die Gäste unter kerzenbestückten Kronleuchtern wie am Hofe Ludwigs des XVI. Das Personal serviert in Kostümen des 18. Jahrhunderts Speisen nach Rezepten aus jener Zeit. „Als Kind haben wir uns doch alle gewünscht, auf einem Königsschloss zu leben“, sagt Gründer Raphaele Abuso.

Madame Gènevieve de Gramont Comtesse d’Ossun schätzen die gepflegte Konversation bei Tische. Schließlich sind wir Dame d’Atout, persönliche Assistentin der Königin. “Aber ja, selbstverständlich hatten wir Zahnärzte“, versichert Madame, „aber keine Betäubung.“ Seine Majestät der König selbst habe verfügt, dass Dentisten eine Ausbildung und Zulassung nachweisen müssen, ebenso die Chirurgen. „Jene haben zu unserer Zeit begonnen, das Innere des menschlichen Körpers zu erforschen.“

Da die Gäste gerade dinieren, wechselt Madame zu Leichterem – der Mode zum Beispiel. „Dieses Kleid“, erläutert die Gräfin während sie auf ihr „Robe de Panier“, ihr Korbkleid zeigt, war so etwas wie heute die Jeans, die Alltagskleidung. Es anzulegen dauert mit Drahtkorsett und allen Dekors mehr als eine halbe Stunde – natürlich mit professioneller Hilfe. „Alleine wäre mir das unmöglich gewesen.“

Man lauscht Madame de Gramonts Beiträgen über die Mode, die Fortschritte der Medizin und der Kochkunst vor 250 Jahren. Nur ganz leise hört man gelegentlich das vorsichtige Klappern des Bestecks. Ein Musiker begleitet das Dinner auf einem Spinett.

Restaurant Salon des Lumières

Die Tischdame, die ihre Gäste so vorzüglich unterhält, heißt im 21. Jahrhundert Mireille Fourneau, leitet ein zum Museum umgebautes Lustschloss und besucht mit Vorliebe historische Festivals und andere Inszenierungen vergangener Zeiten.

Der König hat täglich gebadet

Zu den schwarzen Handschuhen trägt sie ein Kleid aus Samt und Brokat. Ihren Kopf ziert eine Perücke. Die schwarzen und weißen Federn auf ihrem ausladenden Hut wippen zu jeder ihrer der engen Kleidung wegen minimalistischen Bewegungen. Nein, den Komfort fördere diese Mode nicht. Das enge Korsett erschwere den Atem, weshalb die Damen bei Hofe sich nicht unnötig anstrengen oder aufregen sollten. Andernfalls bestünde die Gefahr in Bewusstlosigkeit zu versinken.

Madame bewundert Königin Marie Antoinette, „eine so mutige, freie Frau, deren Leben tragisch unter der Guillotine endete“.

„Wie oft hat sich Ludwig der XIV. gewaschen?“, möchte Madame wissen. Niemand errät, dass seine Majestät entgegen aller heute verbreiteten Behauptungen mindestens täglich ein frisches Bad zu nehmen pflegte.

„Dem 18. Jahrhundert verdanken wir einen Großteil unserer Kultur“, schwärmt auch Restaurantgründer und Inhaber Raffaele Abiuso mit seiner weichen Stimme in singendem Französisch. Kartoffeln und Tomaten hätten wir heute auf dem Speiseplan, weil der König damals ihren Anbau befahl.

 „Ohne Wissen über unsere Geschichte wissen wir nicht, wer wir sind“

Geschlossene Abwässerkanäle, Ärzte, die einen Tag der Woche kostenlos die Armen behandeln mussten, die Grundlagen der heutigen Psychologie, der Philosophie, des modernen Designs, die Formen des Jugendstils und die ersten Restaurants, nennt er weitere Errungenschaften des später so genannten „Siècle des Lumières“, des Jahrhunderts des Lichts – und der Aufklärung. Im Französischen reicht ein Wort für beides.

Raffaele, Jahrgang 1976, verliebte sich als Achtjähriger in die Bilder vom Leben bei Hofe kurz vor der französischen Revolution: prächtige Kostüme, glanzvolle Bälle, erlesene Delikatessen. Der bekennende Schöngeist sieht in der Epoche Ludwig des XVI. das Jahrhundert des Raffinements: feinste Genüsse, zubereitet und angerichtet mit Liebe zu allen Details. Während Raffaele von den Sinnesfreuden jener Zeit schwärmt, leuchten seine Augen von Wort zu Wort heller: Champagner, Gänseleberpastete, Mayonnaise, Schlagsahne, Ananas, Melone an Portwein. Gipfelten nicht in jener Epoche die Gegensätze menschlicher Existenz: höchste Blüte von Sitten, Kunst und Küche bei Hofe. Dabei denkt er weniger daran, dass zugleich das Volk im Elend hungerte.

Restaurant Salon des Lumières

Mit zehn Jahren richtete Abiuso sein Zimmer mit Möbeln und Accessoires aus der Zeit Marie Antoinettes ein. Was er dazu brauchte fand er auf Flohmärkten und in Trödelgeschäften. Um sein teures Hobby zu finanzieren begann Raffaele als Jugendlicher, mit Antiquitäten zu handeln. „Durchaus erfolgreich“, wie er meint. Geld habe er immer genug gehabt.

„Könige sind von Gott gesandt“

Als ihm eine Krise der Branche um die Jahrtausendwende das Geschäft vermieste, gab er dem Drängen seiner Eltern nach: „Sie wollten, dass ich einen vernünftigen Beruf erlerne“, berichtet er mit verständnisvollem Lächeln. Er wurde Geschichtslehrer. Nach dem Studium eröffnete der begeisterte Genießer und Ästhet in einem Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert seinen Salon des Lumières. „Damals“, berichtet Raffaele, standen hier vor dem Haus die Damen vom horizontalen Gewerbe. In den Jahren nach 1789 habe man Revolutionär Danton häufiger hier gesehen.

„Ohne Wissen über unsere Geschichte wissen wir nicht, wer wir sind“, ergänzt Tischdame Mireille Fourneau alias Madame de Gramont, während sie sich mit ihrem Fächer ein wenig frische Luft zuführt.

Grande Place in Mons

 

Sie sei “überzeugte Royalistin“, weil die Könige doch von Gott gesandt seien, das Regieren von klein auf gelernt hätten und in aller Regel ihrem Volk das Beste gäben. Republikanische Politiker wähle man dagegen auf Zeit. Sie könnten sich anschließend ihrer Verantwortung entziehen. Hinter ihrem blass gepuderten Gesicht unter der wallenden Weißhaar-Perücke verschwimmen Rolle und Realität. Zurück auf den Straßen von Mons im Jahr 2014 erscheint der Besuch im Salon des Lumières als seltsamer Traum.

Die Reiseinfos aus und über Mons: Mons_Info

Hinweis: Die Reise wurde unterstützt von Tourisme Wallonie-Bruxelles. Die Unterstützer haben keinen Einfluss auf den Inhalt dieses Beitrags genommen.

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