Schlagwörter

, , , , , ,

Oh wie schön ist Niedersachsens Süden

Hannover/Göttingen. Ein Abteil in türkis, und zartgelb statt Großraumwagen, bequeme Sitze statt Rückenfolter im ICE. Der Intercity Hannover-Frankfurt schaukelt durch Fachwerkstädtchen. Wälder und Wiesen ziehen vorbei. Statt eisiger Klimaanlagenluft weht der warme Spätsommerwind durch das offene Fenster herein. Auf einer kleinen Landstraße nebenan überholt uns ein Auto. Die ICE-Rennstrecke sehe ich diesmal von weitem, verwaiste Betonbrücken von unten.

„Notärzte“ und „technische Störungen“

„Die Schnellfahrstrecke ist wegen eines Notarzteinsatzes gesperrt. Wir werden Göttingen 30 Minuten später erreichen und bitte um Ihr Verständnis.“ Die Bahn hat anscheinend eine neue Sprachregelung für Selbstmörder, die zum Herbstanfang wieder gerne vor Züge springen und andere mit ins Unglück reißen. Viele Lokführer werden ihr Trauma nach einer Kollision mit einem oder einer Lebensmüden nicht mehr los. Die Schaffnerin erzählt von den vielen, vielen Überstunden, die sie und ihre Kollegen wegen der ständigen Verspätungen anhäufen.

Von jeder längeren Bahnfahrt bringe ich nach Zugpannen, „technischen Störungen“, Stellwerksausfällen und „Notarzteinsätzen“ inzwischen ein Fahrgastrechte-Formular mit. Ab einer Stunde Verspätung gibt es ein bisschen Geld zurück. Die Hälfte dieser Fahrt habe ich so finanziert und er-warte mir gleich den Rabatt für die nächste. Auch eine Form der Kundenbindung.

In Fulda stelle ich mich im Reisezentrum an, um eine Bescheinigung für die Verspätungen zu bekommen. Die Frau am Schalter schickt mich zur DB Information. Die ist geschlossen, wieder zurück ins Reisezentrum. Plötzlich kann die Dame hinter dem Schalter doch die Bescheinigung ausstellen und hilft sogar beim Ausfüllen der Papiere.

Mit 40 Minuten Verspätung taucht ein ICE Richtung Süden auf. Nach einer halben Stunde lässt der Zugchef die Fahrgäste wissen, dass das Bistro wegen „eines technischen Defekts“ geschlossen werde. Später stellt sich raus, dass das Personal in Würzburg aussteigt und mit einem anderen Zug zurück Richtung Norden fährt. In der nächsten Durchsage sind es „betriebliche Gründe“, deretwegen das Bistro leider geschlossen sei.

Ein Österreicher am Bistro-Nebentisch schimpft, wo die Zuverlässigkeit der Deutschen Bahn bleibe. Deutschland „vertürke“ immer mehr. Meinen Einwand, dass in der Türkei manches besser funktioniert als bei der Deutschen Bahn, ignoriert er und grantelt weiter vor sich hin.

Ein anderer Gast hat seine eigene Erklärung für das Chaos bei der DB. Er sei 25 Jahre Eisenbahner gewesen, erzählt der Mann mit dem Schnurrbart. Das heutige Management der DB habe keine Ahnung von der Bahn. Früher wussten die Chefs wie eine Lok funktioniert. Heute hätten die BWL studiert und kämen von der Uni und von allen möglichen Unternehmen zu Bahn, ohne den Betrieb zu kennen. Hartmut Mehrdorn kam zum Beispiel von der Lufthansa. Um die Bahn an die Börse zu bringen sollte er Kosten reduzieren, sprich Leute entlassen. „Den Güterverkehr haben sie damals gezielt an die Wand gefahren“, erklärt der Ex-Eisenbahner. Inzwischen spart die DB auch beim Personenverkehr bis bald nichts mehr funktioniert.

Advertisements