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Auf dem Aachener Bahnsteig begrüßt der Schaffner, mindestens einen Kopf kleiner als seine meisten deutschen Kollegen, jeden Fahrgast mit einem förmlichen „Bonjour Monsieur, bonjour Madame“. „En français exclusivement Monsieur, excusez-moi“, nur auf Französisch, wenn Sie entschuldigen, mein Herr. Seine altmodische Uniform erinnert an die französischer Polizisten in Filmen der 60er Jahre. Die Fahrkarte verkauft er ohne Aufpreis problemlos im Zug. Die Railplus-Ermäßigung gibt es nur am Bahnhof, „excusez-moi, Monsieur“, es liegt an den Apparaten, nur an der Technik.

Die weiß-blau-rot lackierte Bummelbahn ruckelt los, die Sitze bequemer als die Ausgeburten lebensfremder Designer deutscher Züge, in deren Vorstellungswelt ein Mensch bei 1,75 m das Wachsen einzustellen hat. Als Souvenir jeder längeren Bahnfahrt bleibt mir aus den ICE und Regionalbahnen stets eine Ladung Rückenschmerzen.

Im Zug wenige Fahrgäste. Gut ein Drittel sind Afrikaner tiefschwarzer Hautfarbe, einige westlich in Jeans und Hemd, viele in bunten Gewändern Ihrer einstigen Heimat gekleidet. Durch die offenen Schiebefenster weht frischer Frühlingswind statt eisiger Klimaanlagenluft, die mich auf dem Weg hier her in den Winter versetzt hat.
Brücke über die Semois
An kaum einer deutschen Außengrenze verändern sich Landschaft und Atmosphäre so abrupt wie hier zwischen Aachen und Liège (Lüttich).Das konturlos-flache, dicht besiedelte Rheinland weicht den sattgrünen Ardennen: dichte Laubwälder, unterbrochen von Weiden auf denen rotbraune Kühe grasen. Neben den Schienen plätschert ein Flüsschen talwärts. Es dauert eine Weile, bis sich vor dem Fenster die ersten Häuser zeigen. Dunkelrote und dunkelbraune Backsteinbauten, die mit ihren traditionellen Schieferdächern in der dunkelgrünen Berglandschaft aufzugehen scheinen.
Foto: Robert B. Fishman
In Liège, (Lüttich) backsteinrot-braun-graue Industriestadt, der fassadenplattenbeladene Bausünden Wunden geschlagen haben, ist ein Ufo gelandet: Durch seine von weißen Streben gehaltenen Glashaut flutet gleißendes Sonnenlicht. Die Wege zwischen den Gleisen der Bahn führen wahlweise durch Tunnel oder nach oben, über helle Brücken. Die Züge halten unter einem weiten, offenen Glashimmel. Entworfen hat den schwebenden Bahnhof Santiago Calatrava, Urheber u.a. der Stadt der Künste und der Wissenschaft in Valencia.

Nun gleite ich doch im komfortablen dünn besetzten belgischen Intercity nach Westen, rechts der Wald und hellgraue Felswände, links der große träge braune Fluss.

Weit ist hier nichts. Auch ans – fast – andere Ende des Landes, nach Mons, gelange ich in weniger als zwei Bummelbahn-Stunden. Zu Essen gibt es an Bord nichts. „Désolé Monsieur“, tut mir leid mein Herr, entgegnet der Schaffner auf meine Frage nach einem Speisewagen. So etwas hatten wir hier noch nie. Dafür fährt man langsam, damit das kleine Land ein bisschen größer erscheint.

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