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Nur ganz sicher ist sicher

Terminal 1F zeigt die App des Flughafens München für den Flug nach Tel Aviv an. Gänge, Laufbänder, 1 C, 1D, 1E, Ende. Nach einer Viertelstunde Fußmarsch stehe ich vor einer Wand. Den ganzen Weg wieder zurück gelaufen frage ich am Infoschalter nach dem Weg. „Fliegen Sie nach Tel Aviv?“ lautet die Antwort. Für die Flüge nach Israel hat der Flughafen eine eigene Abfertigungshalle eingerichtet – am Ende eines endlosen erscheinenden Ganges, der versteckt zwischen den beiden Terminals abzweigt. „Die Abfertigung öffnet drei Stunden vor Abflug“, steht über der dem Tor zu einem menschenleeren kahlen Saal. Darüber zeigt ein Display meinen El Al Flug korrekt an. In anderthalb Stunden soll es losgehen. Irritiert gehe ich weiter, in der Hoffnung auf eine Menschenseele, die mir den Weg weisen kann. Niemand da. Schließlich finde ich eine zweite Glastür vor einem Gang, der in einen ebenso kahlen Saal führt. Neben einem jungen Bundespolizisten in schusssicherer Weste mit Maschinenpistole über der Schulter fragt ein Sicherheits-Mann nach meinem Ticket. Die Buchungsnummer und der Pass reichen. Er verschwindet damit in einen Nebenraum. „Alles ok.“

Er bittet mich, in der Mitte der leeren Halle auf meine Befragung zu warten. Eine junge Frau stellt sich vor. „Ich bin Dana und habe ein paar Fragen.“ In fast perfektem Deutsch möchte sie freundlich wissen, warum ich nach Israel fahre, was ich dort vorhabe, wen ich treffen werde und wer meinen Koffer gepackt habe. Schließlich vergewissert sie sich, dass ich keine fremden Gegenstände mitgenommen habe, mir niemand etwas mitgegeben hat und niemand Fremdes in meiner Wohnung war, bevor ich zum Flughafen gefahren bin. Der Check In für die Koffer ist gleich um die Ecke, dann geht’s zur Passkontrolle. Hinter dem Schalter lässt sich eine Bundespolizistin – ebenfalls in schusssicherer Weste – die Papiere zeigen. An der Sicherheitskontrolle steht statt der üblichen Schleusen Personal bereit. Jeder Passagier wird von Hand mit Metalldetektoren untersucht. Auch die Füße tasten sie mit den Detektoren akribisch ab, das Handgepäck wird gründlicher kontrolliert als vor jedem Flug, den ich bisher erlebt habe.

Allmählich füllt sich der Wartesaal. Ein Café verkauft Essen und Getränke, ein winziger Duty Free Shops ein paar Sorten Zigaretten, Parfüm und Süßigkeiten. Der erste Bus, der Passagiere zum Flugzeug bringen soll, wartet lange, bis sich die Ersten zum Ausgang bewegen. Auch der zweite Aufruf zum nächsten und letzten Bus lockt wenige. Zwei Kinder spielen weiter auf ihrem Handy, während ihr Vater in aller Ruhe die Formulare für die Mehrwertsteuererstattungen ausfüllt. Andere unterhalten sich, schreiben E-Mails oder gehen zum Einkaufen. „Die haben Zeit, das geht ganz gemütlich“, weiß die Bordkarten-Kontrolleurin am Ausgang. Dennoch startet der Flieger pünktlich. „Die Deutschen stellen sich immer gleich ganz diszipliniert an, hier ist das anders“, meint eine Moskauerin, die kurz vor Gate – Schluss noch genug Zeit hat, sich eine Zigarette anzuzünden. Sie fliegt zu ihrer Schwester nach Israel, kennt das Prozedere schon.

Chuzpe über den Wolken

Im Flieger entdecke ich einen freien Platz am Notausgang. „Der ist vergeben“, erklärt mir eine Stewardess. „Der Flug ist ausgebucht.“ Nachdem niemand mehr kommt, wechsle ich dennoch. Später fragt mich eine ihrer Kolleginnen, ob ich auf meinem ursprünglichen Platz säße. Mein ehrliches „Nein“ wird teuer. 50 Dollar Aufpreis koste der bequemere Sitz am Notausgang.

Die Mauer

Der Israeli neben mir scherzt: „Für 50 Dollar muss ich Ihnen ja den freien Sitz in der Mitte auch noch überlassen.“ Wir nutzen ihn schließlich als Ablage und schon sind wir im Gespräch. Er komme aus einem kleinen Ort bei Netanya, an der schmalsten Stelle Israels, wo zwischen der Grenze zum palästinensischen Westjordanland und dem Meer nur 18 Kilometer liegen. Direkt hinter seinem Dorf stehe „The Wall“ die Mauer, die die Israelis gebaut haben, um Attentätern aus dem Westjordanland den Weg zu versperren. “Er fragt mich direkt, was ich über „den Konflikt“ denke, erzählt mir, dass er früher links (im israelischen Sprachgebrauch also kompromissbereit und für einen Verständigungsfrieden) gewesen sei, jetzt aber auch nicht mehr weiter wisse.

70 Prozent der Mauer, sagt er, verlaufe auf der „Green Line“, der heute so genannten grünen Linie, die bis 1967 Israels Grenze zum damals jordanisch besetzten Westjordanland war. Nur rund um Jerusalem habe man die bis zu acht Meter hohen Betonplatten, die an die Berliner Mauer erinnert, weiter in besetztes Gebiet hinein gebaut. „Wir hatten keine andere Wahl“, beantwortet mein Sitznachbar die Frage, was er davon halte. Tatsächlich hat es kein Selbstmordattentäter mehr nach Israel geschafft, seit dieses Bollwerk das Land teilt.

Überall im Land sind vor allem die politisch verstummt, die sich eine Verständigung mit „den Arabern“ wünschen und dafür auch besetztes Land aufgeben würden. Zu hören und zu sehen sind die Fanatiker, die keinen Zentimeter des Landes räumen wollen, das „Gott ihnen versprochen“ habe. Erst vorgestern verließen die Abgeordneten der rechten Partei „Jüdisches Haus“ wütend „Schande“ schimpfend das israelische Parlament, weil EU-Parlamentspräsident Schulz die Herren daran erinnert hat, dass die Siedlungen im Westjordanland das meiste Wasser verbrauchen, so dass für die Palästinenser zu wenig übrig bleibe.

„Zwei-Staaten-Lösung“

„Ich war immer für zwei Staaten“, sagt mein Sitznachbar, ein freundlich und entspannt wirkender Mann, den ich auf Mitte 40 schätze. „Aber inzwischen sei die Bevölkerung so gemischt, dass sich das Land nur noch mit großen Umsiedlungen in einen jüdisch-israelischen und einen arabisch-palästinensischen Staat teilen ließe. Umziehen wollten deswegen nur die Wenigsten. „Wahrscheinlich müssen wir doch in einem Land zusammen leben.“ Das Problem seien dabei die Fanatiker – auf beiden Seiten. Die könne man nur durch „education“ (Bildung) verändern.

Der Hüttenkäse-Aufstand

Wie schade, dass ich mich meinem Sitznachbar zu früh als Journalist geouted habe. Er arbeitet „in der Lebensmittelbranche. Auf meine Nachfrage, was er da mache, kommt ein vorsichtiges „Dairy“, Milchprodukte. Natürlich frage ich ihn nach dem „Hüttenkäse-Aufstand.“ Vor zwei Jahren lösten Preiserhöhungen für den in Israel so beliebten Cottage Cheese wochenlange Proteste aus. Tausende demonstrierten gegen die wachsende soziale Ungleichheit und gegen steigende Preise bei weiterhin niedrigen Löhnen von durchschnittlich 1200 Euro im Monat. In Israel, erzählt mir mein Nachbar, geben die Leute ein Fünftel ihres Einkommens für Lebensmittel aus und der Anteil steige immer weiter. In Landsberg/Lech hätten sie zu Dritt in einem gehobenen Restaurant für 65 Euro gegessen. In Israel koste das viel mehr.

Früher habe er das Unternehmen geleitet, das den teurer gewordenen Hüttenkäse herstellt. Inzwischen sei er noch im Vorstand des Unternehmens, arbeite aber selbstständig für seine eigene Firma. Einem Journalisten mag er dann doch keine Einzelheiten erzählen. „Das ist ein ganz sensibles Thema“, entschuldigt er sich und schaut sich lieber das gerade beginnende Bordprogramm ein. „Den Film wollte ich schon lange sehen.“ – den US-Actionstreifen „Captain Phillips“ über einen Kapitän dessen Schiff Piraten vor der Küste Somalias in die Hände fällt. Wahrscheinlich befreien ihn die US-Marines und alles wird gut. Mir reichen die Bilder, die ich im Augenwinkel sehe.

Hinweis entsprechend dem Reiseblogger-Kodex: Die Reise wird unterstützt von israelischen Tourismusbüro goisrael, das auf die Inhalte meiner Beiträge keinen Einfluss nimmt.

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