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Bolsena. Aufgefallen ist er mir gestern schon, der fröhliche Typ, der die  Strandcafés mit einem Bündel billiger, feuerroter Halsketten über dem Arm abklappert, die Leute auf italienisch oder englisch mit Leichtigkeit in ein Gespräch verwickelt, Witze und Komplimente macht, dabei meist mit den Händen redet und so viel lacht. Manchmal singt er den Cafégästen auch spontan etwas vor.

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„If you cry, it is even more sad than if you smile“, sagt Joel. Und: „A man does not cry“, ein Mann weint nicht. „Die Anderen“, sagt er, „wohnen nicht hier.“ Sie kämen den weiten Weg aus Rom und müssten deshalb unbedingt etwas verkaufen. „Die Anderen“ sind Nigerianer wie er, die in Bolsena wie in so vielen Touristenorten am Mittelmeer versuchen, den Touristen nutzlosen Tand aufzuschwatzen, um wenigsten ein paar Euro zu verdienen. Einer von ihnen kam heute Morgen sogar in einen kleinen Tante Emma Laden oben in der Altstadt und belatscherte eine Deutsche, die gerade mit ein paar mühsam zusammen gekramten italienischen Worten Obst einkaufte. Als gäbe es nur ihn auf der Welt hielt er der Touristin bei 30 Grad im Schatten Schuheinlagen und Socken unter die Nase und versuchte sie mit flehender, verzweifelte Stimme zum Kauf zu überreden. Vergeblich.

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Joel würde so etwas nie machen, sagt er. Stattdessen unterhalte er sich mit den Leuten und wenn das Geschäft mal nicht so laufe, setze er sich auf einen der vielen freien  Stühle unter den großen Platanen am See, ruhe sich aus oder träfe Freunde, von denen er hier inzwischen viele habe: „Morgen ist auch noch ein Tag“. Seit 2001 lebt der Afrikaner mit seiner Frau und den drei Kindern in einem Städtchen ganz in der Nähe:

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Auf grünen Hügeln thronen über Weinbergen, Wäldern und fruchtbaren Äckern mittelalterlich anmutende Städtchen mit ihren schmalen, zwangsläufig autofreien Gassen: zwischen jahrhunderte alten, meterdicken Bruchsteinmauern, wunderbar kühle, winzige Läden, Enotecas und Trattorias.  Auf den Plätzen spenden mächtige, fünf oder acht Stockwerke hohe Platanen Schatten. In ihren Kronen rauscht beständig der angenehm kühlende Wind. Mittendrin im Bilderbuchitalien leuchtet spiegelblau der 24 km große kreisrunde Bolsenasee, angeblich sauberstes Binnengewässer des Landes.

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Joel kam vor der Krise ins Märchenland. Seine Frau fand eine Stelle bei einer alten Frau, die sie bis zu deren letztem Tag versorgte. Nebenbei ging sie putzen. „Inzwischen machen das wieder die Italiener.“ Die bekämen als Arbeitslose 400 Euro im Monat. „Davon kannst Du hier nicht leben.“

Reich wird er mit seinen Halsketten auch nicht, aber immerhin reiche es, um etwas Steuern zu bezahlen. Mit der Quittung des Finanzamts bekomme er dann jedes Jahr seine Aufenthaltsgenehmigung verlängert.

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Viele Afrikaner hätten Italien inzwischen verlassen.  Tunesier und Marokkaner gingen nach Frankreich, andere auf Arbeitssuche nach Norwegen oder Dänemark. Joel bleibt. „Meine Kinder sprechen italienisch. Ich will, dass sie eine Zukunft haben.“ Der Mann hat eine klare Vision. „Wenn ich genug Geld habe, gehen ich zurück nach Afrika, kaufe drei oder vier Autos und mache ein Transportunternehmen auf. Eins verdient das Geld für meine Frau, eines für die Kinder und eines für mich. Dann haben wir keine Probleme mehr.“  Plötzlich unterbricht er seinen mit ausladenden Gesten und Lachen untermalten Redefluss. Sein kreisrundes Gesicht wird ernst: „Brother, all I want is a peaceful life“ – wenn Gott es will.

Als Joel vor zwölf Jahren nach Italien kam habe er ständig auf den Boden gesehen. „Ich dachte, hier muss das Geld auf der Straße liegen“, erzählt er lachend. „In Africa, we see so many European movies. Everything there is so rich and beautiful.“

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Einmal habe er tatsächlich eine Geldbörse gefunden. „Die war voll mit Karten.“ Als er sie bei der Polizei abgab, habe der Carabiniero gesagt: „Die bringst Du uns doch nur, weil kein Geld darin ist.“

In Italien gebe es eine Menge Rassisten, aber die meisten Italiener seien freundlich. Joel hat inzwischen „einen Riecher für Leute, die Ärger machen.“ Denen gehe er einfach aus dem Weg. No problem.

Im Café am See kennen sie ihn schon. Der Kellner zeigt auf eine Gruppe älterer Gäste an einem Tisch: „Hast Du es da schon versucht?“. Joel bedankt sich und macht sich auf den Weg. „Que bella moglie“, Was haben Sie für eine schöne Frau“, zwitschert er einem älteren Herren vor, der sich ihm daraufhin lächelnd zuwendet.  Joel redet übers Wetter, die Sonne, lacht und strahlt mit seinen großen Augen. Diesmal erfolglos. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag.

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